Mit der Beschimpfung des bornierten Bürgers ist das Problem nicht gelöst

Von Walter Grasskamp

Seit Jahren haben Außerirdische die Macht auf der Erde übernommen. Nachdem ihre Vorherrschaft militärisch und politisch gefestigt ist, beginnen sie, auch ihren kulturpolitischen Einfluß geltend zu machen. Bestandteil ihres Kulturprogramms ist die Aufstellung von Monumenten auf zentralen Plätzen der großen Städte.

In Berlin errichten sie auf dem Mariannenplatz eine über vierzig Meter hohe Skulptur. Sie ist aus Platin gefertigt, nimmt sich für den irdischen Betrachter jedoch wie ein explodiertes Tee-Ei aus, das durch einen Teilchenbeschleuniger geschickt worden ist. Anwohner behaupten, das Monument sende spürbare Strahlen aus, welche die Erwachsenen belästigen und die Kinder vom Nachtschlaf abhalte.

In Münster wird auf dem Domplatz eine dreißig Meter lange Eisenplatte installiert, die etwa zwanzig Meter über dem Boden schwebt, ohne ihn zu berühren oder an sichtbaren Aufhängungen befestigt zu sein. Durch eine Kraft, die den verstörten Passanten unbekannt ist, wird sie in der schwebenden Position fixiert und selbst Sturm und Regen bringen sie nicht aus dem Gleichgewicht.

An diesen und anderen Orten formiert sich der Protest gegen die künstlerischen Care-Pakete der Extraterrestrischen. In Münster probieren ein paar angeheiterte Physikstudenten während der Nacht, die Platte aus dem schwebenden Gleichgewicht zu bringen. Sie bewirken allerdings nur eine ruckartige Standortverschiebung um fünfzig Meter, bei der jedoch das nahegelegene Postamt schwer beschädigt wird. Sie werden ausfindig gemacht und hart bestraft, erreichen aber ihr Ziel, denn die schwebende Platte wird vom Domplatz entfernt, weil sich die Delinquenten auf den Protest nahezu aller Münsteraner Bürger berufen können, die sich in einer Unterschriftenliste gegen diese unverständliche und häßliche Konstruktion aussprechen. Das Westfälische Landesmuseum wird angewiesen, die Platte in seinem Innenhof aufzunehmen.

Damit ziehen die Außerirdischen die Konsequenzen aus dem Scheitern ihrer kulturpolitischen Bemühungen, das sie um so gelassener hinnehmen, als ihre politische und militärische Vorherrschaft davon unberührt bleibt. Sie verzichten sogar, darauf, einen Vermittlungsvorschlag der Berliner Kulturbehörde anzunehmen, der die Einrichtung von Planstellen für Kunsthistoriker(-innen) vorsah, die als sogenannte Denkmals- und Monumentalpädagogen den aufgebrachten Bürgern den ästhetischen Wert der außerirdischen Kunst hätten nahebringen sollen.