Von Adam Michnik

Jede politische Krise im Nachkriegspolen war von Forderungen nach historischer Wahrheit begleitet. Denn jede dieser Krisen war eine Krise des totalitären Systems, eines Systems also, in dem der Diskurs verstaatlicht, die Wahrheit monopolisiert und die Kontrolle über das kollektive Gedächtnis zum Privileg spezialisierter Ämter erhoben wurde. Ein nach dem Rezept Josef Stalins und seiner Helfer entworfenes Bild der Vergangenheit wurde als bindend deklariert. Es verband die bis zur Karikatur vereinfachte Methodologie von Karl Marx mit der Apologetik der russischen Staatsraison. Deswegen mußte das Verbrechen von Katyn (wo über 4000 polnische Offiziere von den Sowjets erschossen wurden) der Zensur ebenso zum Opfer fallen wie die Niederwerfung Prags im August 1968 durch die Truppen des Warschauer Pakts.

Die Forderung nach einem öffentlichen Diskurs ging von der gesellschaftlichen Emanzipationsbewegung aus. Sie wurde erhoben in der Zeit des Polnischen Oktober 1956, als der Mythos Stalins zerstört wurde, im März 1968, als die offiziellen Zeitungen verbrannt wurden, und im August 1980, als Solidarnosc gegründet wurde. Und jedesmal gelang es den polnischen Historikern, ein Stück der nationalen Vergangenheit dem Zangengriff des Staates zu entreißen. Es sei mir deshalb erlaubt zu behaupten, daß die "emanzipatorischen" Leistungen der polnischen Geschichtswissenschaft Bewunderung verdienen.

Unsere Kontroverse über die "weißen Flecken" steht in einem internationalen Zusammenhang. Gegenwärtig findet in Deutschland auf beiden Seiten der Elbe eine wichtige historische Debatte statt. Die Deutschen in der Bundesrepublik streiten über die Zeit des Nationalsozialismus, während die Deutschen in der DDR dabei sind, vorsichtig die preußische Tradition zu rehabilitieren. In der DDR hat die pauschale Verurteilung des Nationalsozialismus von Seiten des Staates dazu geführt, daß er als Gegenstand einer historischen Gewissensabrechnung zu existieren aufhörte. Zusammen mit dem Nationalsozialismus wurde die gesamte Vergangenheit abgeschafft – die Geschichte des neuen Deutschland begann 1945 mit der Schaffung der Sowjetischen Besatzungszone. Außer der KPD sollte es, entsprechend Stalins Vorstellung, keine positive nationale Tradition geben. Die gegenwärtige Rehabilitierung Friedrichs des Großen, Bismarcks und der preußischen Tradition kann als Versuch gelten, die Vergangenheit wiederzugewinnen. Das ist eine unvermeidliche Entwicklung, doch in der DDR findet sie nur mit offizieller Erlaubnis oder gar auf offizielle Anweisung statt.

Es handelt sich also eher um einen Versuch der Machtelite, sich eine neue Identität zuzulegen, als um die Entwicklung eines pluralistischen historischen Selbstverständnisses in der Gesellschaft.

Anders sieht es in der Bundesrepublik aus. Das Problem des Nationalsozialismus ist lebendig und wird kontrovers erörtert.

Die "weißen Flecken" in der polnischen Geschichte sind vor allem die verschwiegenen Tatsachen. Es ist kaum zu glauben, daß das Jahrzehnt des stalinistischen Terrors nie Gegenstand einer wissenschaftlichen Tagung oder einer historischen Monographie wurde, obwohl wir das System unter Stalin heute als vollendete Form totalitärer Herrschaft betrachten. Die Analyse seiner Mechanismen – der führenden Rolle der Kommunistischen Partei, der führenden Rolle des Sicherheitsapparats innerhalb der Partei sowie der führenden Rolle der sowjetischen Berater innerhalb des Sicherheitsapparats – muß als Ausgangspunkt dienen, wenn die Politik Stalins gegenüber Polen in den frühen Jahren der Volksrepublik sowie die Krisen danach beschrieben werden sollen. In der Stalinzeit ist das Modell einer verfälschten Geschichte entstanden. Damals hat die Geschichtswissenschaft das Orwell’sche Szenario von der Erschaffung der Vergangenheit – und damit auch der "weißen Flecken" – musterhaft Realität werden lassen.