Spekulationen über das Elend der deutschen Universität

Von Peter Glotz

"Wenn nun aber die Universität kraft ihrer gesellschaftlichen Aufgabe nicht umhin kann, gegenüber den Mächten der Welt die im Einzelnen wirkende Vernunft in gewissem Maße zu entfalten, so ist damit wenigstens die Möglichkeit angelegt, jenen Einzelnen zum Bewußtsein zu verhelfen, welche in diesen Jahrzehnten – dem Zeitgeist Trotz bietend – mit dem Wissen auch den Besitz des geistigen Erbes der bürgerlichen Epoche bewahren und weitergeben können." Max Horkheimer

I.

Wenn ich mich als Politiker frage, welche Denkanstöße mich in den letzten Jahren bewegt haben, fällt mir mit Schrecken auf, daß die neuen, die anregenden Fragen eher selten aus den Universitäten kamen. Die Idee, an die Stelle militärischen "Gleichgewichts" ein Konzept der Stabilität, der "wechselseitigen Verteidigerdominanz" zu setzen, kam von Horst Afheldt und Albrecht von Müller, aus einem Arbeitszusammenhang der Max-Planck-Gesellschaft. Die Analyse neuer Produktionskonzepte, die nicht mehr auf die immer weitere Zerteilung von Arbeit hinauslaufen, und der nachdrückliche, empirisch untermauerte Hinweis auf die wachsende Bedeutung neuer, hochqualifizierter Angestelltenschichten stammen aus dem Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut in Göttingen; Horst Kern, Michael Schumann und Martin Baethge sind zwar Universitätsprofessoren, ihre Arbeitsergebnisse entstanden aber weitgehend außerhalb der Universität. Die vorgebliche Normalität der europäischen Nachkriegsprosperität hat Burkart Lutz auf Grund seiner jahrzehntelangen Arbeiten in einem schlichten eingetragenen Verein – dem Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung – analysiert. Und Frederik Vesters grundlegende Arbeiten zur Ökologie und zur Notwendigkeit eines "vernetzten Denkens" stammen nicht aus den allerletzten Jahren, in denen er schließlich und endlich Professor an einer Universität der Bundeswehr wurde, sondern aus seiner Zeit als Privatgelehrter und Vortragsreisender. Erfüllen die Universitäten noch ihre Funktion als Kommunikationsraum der Gesellschaft, als Forum der Generationen, als Faktor der nationalen Kultur, als ein mit besonderen Freiheiten ausgestatteter Platz für rationale Argumentation?

Ich bin kein Liebhaber greller Übertreibungen zu didaktischen Zwecken; von einem Verfall des Wissenschaftssystems der Bundesrepublik kann ganz und gar nicht die Rede sein. Es ist ja gerade der Witz dieses Systems, daß die Universitäten, die Institute der Max-Planck- und der Fraunhofer-Gesellschaft, das Förderungssystem der Deutschen Forschungsgemeinschaft und die staatlichen Großforschungseinrichtungen intelligent zusammenwirken. Diese Zusammenarbeit funktioniert; auf vielen Gebieten nimmt die deutsche Forschung nach wie vor eine Spitzenstellung in Europa oder der Welt ein. Mag sein, daß die Mikroelektronik-Päpste (Rüge in München, Ryssel in Erlangen, Queisser in Stuttgart) vor allem durch die Fraunhofer- oder die Max-Planck-Gesellschaft existieren; aber sie lehren immerhin an großen Universitäten. Man mag bedauern, wie stark die neueren Ergebnisse im Bereich der Gen-Technik aus Industrielaboratorien stammen; aber zwei oder drei Universitätsinstitute für Genforschung sind zweifellos führende Einrichtungen dieses Fachgebiets auf der Welt. Da mag es viele Beispiele von der "eigentümlichen Anziehungskraft" geben, die – wie Karl Jaspers das ausdrückte – "alle Mediokrität aufeinander ausübt, weil sie sich wohlfühlt im Ausbleiben hoher Ansprüche". Aber es gibt Jürgen Habermas und seine Schüler in Frankfurt, Eberhard Lämmert auf dem alten Lehrstuhl von Peter Szondi in Berlin und eine christliche Weltanschauungslehre mit Protagonisten wie Robert Spaemann und Hans Maier in München. Kann man also wirklich von einem Bedeutungsverlust der Universitäten sprechen?

Die Gefährdung der deutschen Universität, so lautet meine These, liegt nicht in einem "Niveauverlust" der Forschung, nicht einmal in der (leider unbezweifelbaren) Zerstörung jener akademischen Atmosphäre, die an den kleinen, homogenen Oberschicht-Universitäten der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg herrschte und die in einigen Departments teurer amerikanischer Privatuniversitäten und traditionsreicher englischer Oxbridge-Colleges heute noch konserviert wird. Sie liegt im Verlust des Selbstbewußtseins der deutschen Universität, in ihrer seit Jahrzehnten anhaltenden Unfähigkeit zur wissenschaftlich begründeten Selbstreflexion und Kommunikation und im Verlust einer ihrer großen Funktionen, der Funktion nämlich, der jungen Generation – oder jedenfalls: einem Teil dieser Generation – Orientierung zu bieten – nicht durch die Vermittlung einer wie auch immer gearteten gemeinsamen Weltanschauung, die mit dem Abtreten eines einheitlichen Akademikerstandes mit versunken ist, sondern durch die Einübung einer aufs Praktische gerichteten Fragefähigkeit, ohne die weder der Arzt noch der Jurist, weder der Lehrer noch der Volkswirt seine Arbeit "vernünftig" (das heißt: vernunftgemäß) ausüben kann.