An der Wand hängt ein Plakat, auf dem eine Kuh sich kratzen will. Aber es geht nicht mehr. Ihr Euter ist zu groß geworden. Es ist eine unglückliche Kuh.

Verhindern? Benedikt Härlin zuckt mit den Schultern. „Zunächst mal bremsen! Die Sache bremsen, bevor sie zu teuer wird. Das Kapital ist ja lernfähig. Aber sie werden nur aus Schaden klug.“

In der Woche zuvor hatte der Ausschuß für Energie, Forschung und Technologie des Europäischen Parlaments den Brüsseler Rat und die Kommission der EG aufgefordert, den Einsatz des Rinderwachstumshormons BST, vor allem wegen der unerwünschten sozial- und agrarpolitischen Folgen, EG-weit zu verbieten. Berichterstatter des Ausschusses war der Europa-Abgeordnete der Grünen, der Journalist Benedikt Härlin aus West-Berlin.

Vor zwei Jahren hat er angefangen, das Gen-Ethische Netzwerk zu knüpfen – zusammen mit Linda Bullard, einer Texanerin aus der 68er Generation, die über die Anti-Atom- und Umwelt-Bewegung bei Jeremy Rifkin gelandet war und einige Zeit in dessen Organisation gegen die Gentechnik gearbeitet hatte. „Buying Time“ sei Rifkins große Stärke, sagt sie, durch prozedurale Verzögerungen den Lauf der Dinge aufhalten, so daß doch noch öffentliche Debatten entstehen können über den Sinn oder Unsinn einer Entwicklung.

„Eigentlich sind wir eher untypisch“, sagt Härlin, „normalerweise entstehen soziale Bewegungen doch immer erst, wenn ein Kind in den Brunnen gefallen ist. Wir sind eher zu früh.“ Das Gen-Ethische Netzwerk wurde 1986 gegründet, nach den Hagener Beschlüssen der Grünen zur Gen-Technik. „Die waren so eng, daß man nur noch ein fundamentales Nein sagen durfte. Und damit kann man keine Politik machen. Keine Bündnisse eingehen. Und man soll auch nicht alles verbieten.“ Es gibt hierzu auch keine Grundsatz-Erklärungen der Organisation. Härlin selbst sieht die Grenze irgendwo zwischen Erkennen und Anwenden.

Das Zentrum dieses Netzwerks sind zwei große Zimmer in der Potsdamer Straße 96 in Berlin-Schöneberg: ein Computer, Hängeordner und Bücherregal, in der Mitte der große Tisch, auf dem Informationen über transgene AIDS-Mäuse, illegale Tollwutimpfungen in Argentinien, und Gengesetze in Dänemark zusammenlaufen. Sechs Leute, eine ABM-Stelle, eingetragene Gemeinnützigkeit, Umsatz 12 000 DM im Monat. „Außerhalb der Industrie haben wir wahrscheinlich den besten Überblick ‚ über alles, was in der Gentechnik los ist. Manchmal wollen sogar die Pressesprecher der Konzerne von uns Informationen“, sagt Christian Sternberg. Er sitzt am Computer und stellt gerade die Namen zusammen, die unter dem „Appell (an Bundesregierung und Parlament) zur Vernunft beim Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen“ stehen. Günter Grass hat unterschrieben, Johannes Mario Simmel, Hans-Peter Dürr, aber auch, zum Beispiel, der Bayrische Mütterdienst und die evangelische Landjugend.

Das Gen-Ethische Netzwerk Soll eine Art Dienstleistungsunternehmen sein, zur Herstellung von Informationen, Debatten und Allianzen in allen Bereichen der gentechnischen Entwicklung. Es gibt eine Datenbank, einen Artikel-Dienst (den vor allem Journalisten ausgiebig nutzen), und – das ist die Hauptsache – den GID, den „Gen-Ethischen Informationsdienst“, der einmal im Monat erscheint.