Hamburg: „Gabriele Münter“

Finanziell unabhängig, ohne familiäre Bindung, beginnt Gabriele Münter, eine talentierte Zeichnerin, sich 1901 künstlerisch auszubilden. Nach kurzem Umweg gerät sie in die von Kandinsky geleitete avantgardistische Falance-Schule in München, eine der wenigen Möglichkeiten, wo sie als Frau in dieser Zeit gleichberechtigt lernen kann. 1903 verlobt sie sich mit Kandinsky. Von Anfang an gehört Gabriele Münter zum „Blauen Reiter“. In ihrem Haus in Murnau treffen sich die Freunde. Hier wird auch der berühmte Almanach redigiert. Die Künstlerin malt nach einer kurzen impressionistischen Phase Stilleben, Landschaften, Interieurs in starken vereinfachten, manchmal leicht kubistischen Formen. Sie wählt kräftige, leuchtende Farben und setzt sie, flächig ausgebreitet, unvermittelt nebeneinander. Bescheiden und innerlich, eine unschuldige Welt und Naturanschauung – so wurde ihre Arbeit beschrieben. Sie wiederholt es gern. Es paßt zum Kunstprogramm des „Blauen Reiters“ und grenzt sie zudem gegen Kandinskys Malweise ab. In der Falance-Schule hatte er es schnell aufgegeben ihr etwas beizubringen, „da ich – wie er sagte – alles von Natur aus hatte“. Auch das zitiert sie gern. 1917 zerbricht die schwierige Beziehung zu Kandinsky endgültig. Gabriele Münter malt jahrelang nicht. Später lebt sie in Murnau und fängt, ohne sich um neue Kunstrichtungen zu kümmern, neu zu arbeiten an. 1962 stirbt sie. – Schon Ende der fünfziger Jahre zeigte der Hamburger Kunstverein Gabriele Münters und Kandinskys Werk. Der umfangreiche Arbeitsüberblick, der jetzt zu sehen ist, soll die Künstlerin nicht, quasi von Kandinsky befreit, Avantgarde-Künstlerin befördern. Das war sie nicht. Etwas ganz anderes soll gezeigt werden und der Katalog macht es deutlich: Fortschrittlich und emanzipiert räumte die Avantgarde kurz nach der Jahrhundertwende Frauen gleichberechtigte Arbeitsmöglichkeiten ein. Ein zweischneidiges Schwert, denn gleichzeitig wurden sie zu einer subtilen Art der Selbststilisierung veranlaßt. Ganz Natur, ganz Frau, keiner Kunstrichtung ergeben und auf keine dauernde Stimmung festgelegt, so wurde ihre Arbeit beschrieben, so sagte sie es selber. Eine Einschätzung die nicht stimmt. Die Einzelausstellung stellt das Werk von Gabriele Münter ohne den strahlenden, berühmten Hintergrund des „Blauen Reiters“, ohne die Bilder von Kandinsky, Marc, Klee und Macke in ein viel schärferes Licht. Sie zeigt eine Malerin, die erkennbar viel aus damals aktuellen Kunstströmungen, aus den Arbeiten anderer übernommen hat, und die doch auch ohne die Schützenhilfe der berühmteren Namen ihre eigenständigen Bilder gemalt hat. – Ihr „Selbstportrait mit Hut“ von 1909 etwa. (Kunstverein bis 29. Mai; Katalog 36 DM) Elke von Radziewsky

München: „ODIOUS“

ODIOUS nennt sich eine Gruppe von Berliner

Bildhauern (eine Frau und fünf Männer), die gemeinsam in einem Atelier arbeiten und gemeinsam ausstellen. Alle benutzen das gleiche Material, Stahl, wobei sie Fundstücke vom Schrottplatz bevorzugen. Die Plastiken, die aus dem Recycling von Altmetall entstehen, gelegentlich auch als Gemeinschaftsarbeiten, haben mit dem Namen, unter dem die Gruppe auftritt, allerdings nur soviel zu tun wie der normale Münchner Leberkäs’ mit Leber, gar nichts nämlich. „Odious“ heißt: abscheulich, hassenswert, die Produktion von ODIOUS dagegen ist elegant und verspielt, sie prunkt mit dem Gestaltungsreichtum des armen Materials. Im Umgang mit Stahl, der teilweise farbig bemalt ist, geschwärzt, lackiert und gefirnißt, mit Glas kombiniert oder mit Granit, erweist sich die Gruppe – Gisela von Bruchhausen, Klaus Duschat, Klaus H. Hartmann, Gustav Reinhardt, Hartmut Stielow, David Lee Thompson – als eine Runde von Sybariten, die genießerisch und mit Raffinement ihre Kunst-Menüs anrichten; Richard Serra wirkt dagegen wie ein Asket. ODIOUS bietet vom Besten, das von Picasso bis heute die Feinschmecker entzückte, überzeugt, daß die Rezepte der Moderne noch immer die bekömmlicheren sind. ODIOUS kocht solide nach, verwendet immerhin da und dort ein anderes Gewürz, das dem aktuellen Geschmack entgegenkommt. Viel ist das nicht, um einiges mehr jedoch als das, was die marktschreierischen Modellbastler landauf, landab anpreisen. (Villa Stuck bis zum 24. April, anschließend in Salzburg, Berlin, Mannheim, Saarbrücken und Bochum; Katalog 28 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Albrecht Altdorfer“ (Kupferstichkabinett bis 17. 4.; Katalog 35 DM)