Von Andreas Theyssen

Ja, es sei schwierig, ihn zu erreichen, sagt Manfred Ritter. Gerade erst sei er aus Düsseldorf zurückgekommen, morgen müsse er wieder dort hin. Viel habe er „um die Ohren“: Firmenbesuche, Messen, Gespräche mit Unternehmern, Dienstreisen. Erst neulich sei es „zum großen Familienkrach mit der Freundin“ gekommen, weil er den gemeinsamen Urlaub habe verschieben müssen.

Gestreßt wie ein Mann aus dem oberen Management lebt Manfred Ritter, und dabei möchte er erst einmal einer werden. Der 24jährige ist Student der Betriebswirtschaft, gerade im siebten Semester. Die Universität hat ihn nicht ausgefüllt, „verloren vorgekommen“ ist er sich in den überfüllten Hörsälen. Vor allem hatte er den Eindruck, „das Studium allein reicht nicht aus, um gut gerüstet in den Beruf einzusteigen“. Eine Zeitlang lief er mit diesen Gefühlen durch die Kölner Uni, bis er eines Tages im Radio hörte, wie ihm gehe es auch anderen Kölner Studenten. Und die täten etwas dagegen. „Einen Hauch Praxisluft wollten die durch die Kölner Uni wehen lassen“, erinnert sich Ritter, nicht nur Theorien in ihren Hirnen speichern, sondern diese auch gleich umsetzen. Heute setzt die Studenteninitiative, zu der inzwischen auch Manfred Ritter zählt, ihr Wissen so erfolgreich um, daß sie als Unternehmensberatung arbeitet und selbst Konzerne wie BMW oder Nestlé zu ihren Klienten zählt.

Die Kölner waren Vorreiter eines Trends, der sich seit zwei Jahren in bundesdeutschen Universitäten und Fachhochschulen durchsetzt. Was für amerikanische und französische Studenten schon seit einem Jahrzehnt zum Studienalltag gehört, praktizieren nun auch ihre Kommilitonen in Worms und Mannheim, Darmstadt, Köln, München, Frankfurt und Berlin: Schon während des Studiums arbeiten sie für Unternehmen, entwerfen Marketing-Strategien und erkunden Absatzmärkte. Sogar im Rahmen der Examensarbeit können Studenten mittlerweile Probleme kleiner und mittelständischer Unternehmen lösen. In Köln richtete nämlich die Industrie- und Handelskammer dafür eigens eine „Diplomarbeiten-Börse“ ein.

„Contact & Cooperation“ nennen sich die Studenteninitiativen, „Junior Management Spektrum“ oder auch „Organisationsforum Wirtschaftskongreß“ (OfW). So heißt die Initiative, bei der sich Manfred Ritter engagiert. Anfangs wollten die Kölner ihren Uni-Frust kompensieren, indem sie einen Wirtschaftskongreß organisierten – daher der Name. „Der Weltraum als Markt – die zivile Nutzung des Alls“ war das Thema, Forschungsminister Heinz Riesenhuber der Schirmherr. Vor rund fünfhundert Managern, Wissenschaftlern und Politikern referierten unter anderem Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Astronaut Reinhard Furrer. „Professionalität bis ins Detail“ bescheinigte die Welt den jungen Organisatoren.

Als der Kongreß vorbei war, standen im hundert Quadratmeter großen OfW-Büro am Kölner Hahnentor geliehene Computer, Kopierer und Fernschreiber, die die Studenten weiter nutzen wollten. Sie hatten Geschmack gefunden an etwas, das „an der Uni kaum möglich ist: zusammenzuarbeiten, sich auf einander verlassen zu können“ (Ritter). Vor allem aber wollten sie die Kontakte nutzen, die sie während des Kongresses zu bundesdeutschen Wirtschaftsführern geknüpft hatten, von Hellmuth Buddenberg, Vorstandsvorsitzender der Deutschen BP, bis hin zu Ernst Wunderlich, Vorstandsvorsitzender der Allianz Versicherung. Das OfW bildete Projektteams, zu denen – je nach Auftrag – Studenten der Betriebswirtschaft, der Mathematik, aber auch Psychologen und Erziehungswissenschaftler gehören.

Anfangs standen die Wirtschaftsmanager den Angeboten der Studenten skeptisch gegenüber, doch dann vergaben sie den ersten Auftrag. Für den Chemie-Riesen Bayer sollte das OfW eine Studie über die Ausnutzung kurzer Patentlaufzeiten erstellen. Es folgten Untersuchungen für Klöckner-Humboldt-Deutz, Procter & Gamble, für die Allianz Versicherung; meist mußten die Kölner Marketingstrategien ausarbeiten. Sieben Studien haben die Studenten bisher fertiggestellt und im Multivisionsverfahren präsentiert, zehn weitere sind für dieses Jahr geplant. Die 35 studierenden Berater setzten 1987 660 000 Mark um.