Von Horst Bieber

Am kommenden Montag wird sich der Bundestagsausschuß für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit mit der inzwischen brisantesten Frage der Kernenergie befassen müssen: Wie steht es mit der Entsorgung der hochaktiven Abfälle aus Atomreaktoren und der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage? Ist der vorgesehene Salzstock bei Gorleben für den Bau eines Endlagers wirklich geeignet?

Vor fast einem Jahr, am 12. Mai 1987, ereignete sich im Erkundungsschacht Gorleben 1 ein tödlicher Unfall. In einer Tiefe von 234 Metern löste sich ein stählerner Stützring aus seiner Verankerung und stürzte auf die Schachtsohle; ein Bergmann starb, fünf weitere Bergleute wurden verletzt. Das Unglück kam nicht ohne Vorwarnung. Schön vorher hatten sich Verschiebungen an der Wand des Schachtes gezeigt, der in einem an sich erprobten Verfahren abgeteuft wurde: In parallel niedergebrachten Bohrungen zirkuliert eine kalte Flüssigkeit, die in großem Umkreis das Erdreich gefrieren läßt, so daß in einem stabilen Frostkörper der (Erkundungs-)Schacht gegraben und ausgebaut werden kann.

In nicht standfestem und wasserführendem Deckgebirge hat sich diese Methode bewährt. Freilich ist sie nicht narrensicher, wenn der Berg so stark "arbeitet" wie in Gorleben, wo die letzten vierzehn Meter des Schachtes mit einem Pfropf aus Beton verschlossen werden mußten, um die Verschiebungen zu stoppen. Andernfalls bestand die Gefahr, daß die Gefrierbohrungen abrissen. In der Folge wäre der Frostkörper aufgetaut und der Schacht abgesoffen.

Wie es zu dem tödlichen Unfall kam, ob alle Vorsichtsmaßnahmen beachtet wurden, beschäftigt nun die Staatsanwaltschaft. Trotz der Erfahrungen aus zwei Jahrhunderten beherrscht der Mensch den Berg noch immer nicht ganz. Deswegen ist der Unfall kein Beweis gegen die Endlager-Qualität des Salzstocks. Der ließe sich allenfalls erbringen, wenn über dem gesamten Salzstock das Deckgebirge so porös und instabil ist, daß aus dem Mehr-Barrieren-Schutzkonzept – Abfallbehälter, Salz, Deckgebirge sollen unabhängig voneinander den sicheren Einschluß gewährleisten – ein Element im wahrsten Sinne des Wortes herausgebrochen worden wäre.

Die Geologen haben sehr früh davor gewarnt, sich auf diesen einen Salzstock zu verlassen. Außerdem fällt auf: Es gibt kaum Fachleute für Verhalten und Stabilität von Fels und Salz in jenen Zirkeln, die Kernkraft wissenschaftlich begutachten. Liegt es daran, daß ihre Vorbehalte ein unter Zeitnot geratenes Endlagerkonzept stören? So behaupten zum Beispiel die Gorleben-Befürworter, Steinsalz "fließe" zäh, langsam und bruchlos derart, daß nach einer bestimmten Anzahl von Jahren alle (künstlich geschaffenen) Hohlräume geschlossen seien. Jeder Salzbergmann weiß dagegen von Brüchen zu berichten, tonnenschwere Salzplatten haben sich von der Gangdecke (nicht umsonst "Sargdeckel" genannt) gelöst und Menschen erschlagen. Der Ausschuß sollte sich genau erkundigen, was denn mit dem Hals jener Kaverne geschehen ist, die in der Asse aufgefahren worden ist, um Abfall versuchsweise einzulagern. Warum fehlt es immer noch an einer verläßlichen Formel, die das Zug-, Druck- und Fließverhalten von Salz unter hohen Temperaturen beschreibt – wie es etwa an der Oberfläche jener Metallbehälter auftritt, die einmal den verglasten hochaktiven Abfall aufnehmen sollen? Wie standfest sind die Salzgänge, falls die abgebrannten Brennelemente in sperrigen, schweren Stücken unter Tage gebracht werden müßten?