Marek Edelman

Von Otmar Lahodynsky

Ich werde nach Warschau fahren, aber nicht dann, wenn alle diese Regierungsleute ihre Kränze niederlegen.“ Marek Edelman wird nächste Woche den offiziellen Gedenkfeiern zum 45. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Getto fernbleiben. Das staatliche Festkomitee hat ihn, den letzten überlebenden Kommandanten der jüdischen Kampforganisation ZOB, die am 19. April 1943 den ungleichen Kampf mit SS-Truppen aufnahm, gar nicht mehr eingeladen. Denn schon vor fünf Jahren hatte er das staatliche Festprogramm boykottiert. Als ehemaliger Funktionär der verbotenen Gewerkschaft „Solidarnosc“ wollte er nicht mit jenem Regime feiern, das damals noch viele seiner Freunde und Kollegen aus der „Solidarität“ gefangen hielt.

Als dann die „Solidarnosc“ eine Gedenkstunde vor dem Denkmal des Aufstandes organisierte, stellten die polnischen Machthaber ihren unbequemen Kritiker unter Hausarrest. Edelmans Rede mußte verlesen werden: „Wir treffen uns an einem Ort, von dem aus 400 000 Menschen – Frauen, Männer, Kinder, Greise – in den Tod geführt wurden. Wir treffen uns am 40. Jahrestag des Versuchs, anders zu sterben, als es die Massenmörder wollten – nicht mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen, sondern mit erhobenem Kopf und offenen Augen, mit dem Willen, in Freiheit und Würde zu leben. Wir treffen uns, um jener zu gedenken, die sich nicht wehren konnten, und jener, die so glücklich waren, im Kampf mit der Waffe in der Hand zu fallen.“

Marek Edelman hat überlebt, zufällig, wie er sagt. Er ist heute 67 Jahre alt und arbeitet als Kardiologe im städtischen Krankenhaus von Lodz. Die alte Textilstadt hat den mit 200 000 Gräbern größten jüdischen Friedhof Mitteleuropas, zählt aber kaum noch 200 jüdische Einwohner.

„Die jüdische Nation zwischen Weichsel und Don hat aufgehört zu existieren“, erklärt uns Edelman in seinem bescheidenen Haus, das mit Bildern polnischer Künstler vollgehängt ist. Das staatliche Informationsbüro „Interpress“ zeigt einer kleinen Journalistengruppe die Überreste des Judentums in Polen. Marek Edelman zählt – gleichsam als lebendiges Schaustück – dazu.

Vom neuen philosemitischen Kurs der polnischen Regierung hält Edelman wenig. „Es ist leicht, jemanden zu lieben, der nicht mehr da ist“, spöttelt er über die Versuche der Machthaber, die antisemitische Welle von 1968 nachträglich zu bedauern. Die KP-Zeitung Trybuna Ludu hat gerade zum 20. Jahrestag der polnischen Studentenunruhen die antijüdische und antiliberale Hetzjagd unter dem damaligen Parteichef Wladyslaw Gomulka und dessen Innenminister Mieczyslaw Moczar kritisiert. „Vielen Personen jüdischer Herkunft ist damals Unrecht geschehen“, gab das Parteiblatt zu. Damals waren Tausende von Juden von höheren Funktionen ausgeschlossen und in die Emigration getrieben worden, zusammen mit vielen nicht-jüdischen Intellektuellen. Das Regime sei noch immer „ein totalitäres System, das weder die Meinung des eigenen Volkes noch die von irgendwelchen Minderheiten toleriert. Heute werden Arbeiter oder Intellektuelle verprügelt, morgen vielleicht ein Jude oder ein Ukrainer“, glaubt Edelman. „Ohne die politische Ausschlachtung des Antisemitismus wäre er kaum aus der Asche gekrochen“, kritisiert Edelman die aktuelle Debatte um „Versöhnung“ zwischen Polen und Juden. „Es gibt praktisch keine Juden mehr in Polen. Also gibt es auch keine polnischjüdischen Beziehungen mehr.“