Von Andreas Theyssen

In Kanton stand er am Bahnhof und lächelte. Yang heiße er, stallte er sich lächelnd vor, in den kommenden drei Wochen werde er unser Reiseleiter sein und versuchen, sein Bestes zu geben. Er tat es. Lächelnd stellte er im Zug nach Xian den Speisewagenkoch vor, der ein Freund von ihm sei und sich deshalb für uns besonders anstrengen wolle. Lächelnd, wenn auch leicht verlegen, beichtete er uns etwas später, der Zug müsse wegen eines Erdrutsches ein wenig pausieren. Lächelnd bat er eine ältere Dame unserer Gruppe, sie fortan als „Großmutter“ bezeichnen zu dürfen. Der Dame gefror das Lächeln.

Immer nur lächelnd, immer vergnügt begleitete er uns durch China. So einen netten Reisebegleiter, da war sich die Gruppe einig, müsse man natürlich für das Familienalbum ablichten. Und so stellten wir uns zum Gruppenbild mit Chinesen vor dem auf, was französische und britische Truppen von Pekings altem Sommerpalast übriggelassen haben. Bitte recht freundlich. Klick.

Eine Woche später, wieder in Deutschland, kamen die Bilder aus dem Labor, auch das Photo vor dem Sommerpalast. Alle lächelten, selbst Yangs „Großmutter“. Nur Yang, der lächelte nicht. Die Augen starr geradeaus, den Mund wie mit der Wasserwaage ausgerichtet, stierte er ins Objektiv. Seine Körperhaltung – Rückgrat steif, Hände an der Hosennaht, Füße im 45-Grad-Winkel – hätte ihn für das Siegburger Wachbataillon qualifiziert. Das Bitte-recht-freundlich, argwöhnten wir, war ihm wohl entgangen.

Wir irrten. Yang hatte sich lediglich an das chinesische Prinzip gehalten, daß Photographieren eine todernste Sache ist. Von Bitte-recht-freundlich kann da keine Rede sein. Wenn Ausländer sich mal fix zum Photo gruppieren, schnell auf den Auslöser drücken, dann läuft es einem Chinesen kalt den Rücken herunter ob solcher Zwanglosigkeit. Ein Photo, das weiß in China jeder Amateur, hat sorgfältig arrangiert zu sein.

Mag unsere Tante Edith die Urlaubsphotos als Beleg verwenden, daß sie tatsächlich Eiffelturm und Stephansdom besuchte, der Durchschnittschinese hat das nicht nötig. Er braucht keine Beweise für Erlebtes, keine Erinnerungen, er will nur sich selber sehen. Freund Fan mag als typisches Beispiel herhalten. Unter der Glasplatte seines Schreibtischs, ohne die kein chinesischer Büromensch auskommt, reihen sich die Erinnerungsphotos. Fan mit Kollegen im Sommer ’79, Fan mit Kollegen im Winter ’83, Fan mit Kollegen im Frühjahr ’87. Eines gleicht dem anderen, lediglich die Kleidung hat sich im Laufe der Zeit und der Reform gewandelt. Ein Bild indes zeigt eine Frau und ein Mädchen an einem Tisch. „Deine Familie?“ will ich wissen. „Ja“, sagt er, „aber ich bin nicht drauf.“ Er sagt es, als ob er eine Wertminderung entschuldigen müsse.

Schnappschüsse sind Chinesen verhaßt. Man könnte ja lächerlich darauf aussehen. Deshalb muß das Photo arrangiert, bis ins kleinste Detail gestellt werden. Zur Not bringt man die Requisiten selber mit. So rückte im vergangenen Sommer ein Pärchen in Pekings neuen Sommerpalast ein, er im kurzärmeligen weißen Nylonhemd, sie trotz strahlenden Sonnenscheins im Regenmantel, Er hob die Kamera, sie ließ den Mantel fallen. Zum Vorschein kam – in Peking doch recht selten – ein enganliegender Badeanzug, in dem sie sich auf einen Stein drapierte.Der Chinesen liebstes Requisit stellen nur Profi-Photographen: ein Auto. Im Herbst ’83, als Yang uns durch China führte, blockierte noch ein schwarzer „Shanghai“ mit dem klobigen Design der fünfziger Jahre einen Hof im Pekinger Kaiserpalast. Wer wollte und zahlte, konnte sich neben ihm photographieren lassen. Im vergangenen Sommer war ein chromblitzender Geländewagen „made in Japan“ en vogue.