Von Esther Knorr-Anders

Mainz

Fast schien es, als striche ein Wehmutshauch durch den Saal. Es war der Tag der Plädoyers im Mainzer „Rotkäppchen“-Prozeß. Ein letztes Mal würde man sich zur Urteilsverkündung zusammenfinden. Vorbei das teils amüsante, teils horrible Bordellspektakel. Vorbei die Auftritte der Unterhaltungskünstler Bodo, Jenny und Gudrun.

Bei Prozeßbeginn hatte der Verdacht des Waffen- und Rauschgifthandels bestanden. Übrig bleiben: dirigierte Zuhälterei, Förderung der Prostitution, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Menschenhandel. Oberstaatsanwalt Roos sagte im Plädoyer, daß „dies kein Kreuzzug gegen Bordelle oder Prostitution“ sei. Auch bleibe uninteressant, „ob irgendein prominenter Kunde in einem Käfig gebellt“ habe: „Hier geht es allein um kriminelle Verfehlungen im ehemaligen Clubhotel Rotkäppchen.“ „Grenzenlose Menschenverachtung“ warf der Staatsanwalt den Angeklagten vor. Ex-Bordellchef Robert (Bodo) Walter und Gudrun, einstiger Star des „Schwarzen Studios“, blicken darob baß erstaunt. Bodos Ehefrau Jenny dagegen schaute bekümmert drein. Vielleicht war sie es sogar.

Der Ankläger: „Durch ein System totaler Überwachung, mit Abhöranlagen in allen Räumen, mit Geldstrafen gab es für die Mädchen keine Extratouren.“ Sie mußten sich „in Reihe, wie auf dem Viehmarkt“ aufstellen. Die Freier wählten aus. Es bestand ein Verbot, Kondome zu benutzen. Hinsichtlich der Abrechnung und der Verweildauer der Kunden in den Zimmern galten verbindliche Vorschriften.

Es wurde offenbar, was sich im Haus zusammengebraut und abgespielt hatte. Das war keine „Provinzposse“, auch kein „Bürgerliches Trauerspiel“, das war Tragödie. Jennys Tragödie. Gewiß ist, daß Bodo, als Stiefvater, Jennys 17jährige Tochter Silvia ins Gewerbe zwang. Jenny trieb die Preise für die Tochter in die Höhe, um die Freier abzuschrecken; holte Silvia aus der Fleischbeschaureihe. Nicht verhindern konnte sie einen von Gudrun auf Bodos Anweisung gedrehten Video-Porno „zu Lehr- und Anschauungszwecken“, in dem Silvia und der Hausmeisterssohn Kai Hauptdarsteller waren. Der Film war dem Gericht vorgeführt worden. Oberstaatsanwalt Roos: „Abscheulich!“ Der zur Teilnahme überredete vierzehn Jahre alte Junge erhielt als Honorar 100 Mark.

Den „klassischen Fall von Menschenhandel“ sah Roos im Schicksal der 26jährigen Luz Maria B. verwirklicht. Zur Vernehmung dieser Zeugin flog die 4. Große Strafkammer in Begleitung eines Verteidigers nach Paraguay. In der deutschen Botschaft machte Luz ihre Aussage. In ihrer Heimat war sie – entgegen einer Zeugenbehauptung – nicht Dirne, sondern Kindermädchen gewesen. Dort hatte sie ein Ehepaar aus Worms kennengelernt. Der Mann war Deutscher, seine Frau Paraguayerin. Beide luden Luz später nach Deutschland ein. Man schickte ihr das Reisegeld. Luz wollte ein paar Monate in der Bundesrepublik bleiben und währenddessen Geld verdienen. Für diesen Zweck schien den Wormsern das „Rotkäppchen“ der geeignete Ort. Luz war der deutschen Sprache nicht mächtig. Sie glaubte, sie solle in der Bar tätig sein, wurde aber bald den Freiern zugeführt. Sie fürchtete sich vor den Männern. Im „Schwarzen Studio“ brach das ganze Elend der hilflosen Fremden über sie herein. An Flucht war nicht zu denken, denn das verdiente Geld mußte sie abliefern. Tauchte Polizei im „Rotkäppchen“ auf, wurde sie aus dem Haus geschleust. Als sie an einer Hautkrankheit litt, brachte Gudrun sie zu einem Arzt ins Frankfurter Bahnhofsviertel. Der Kurpfuscher überließ Gudrun Penicillin-Ampullen, die sie Luz injizieren sollte.