Von Heinz Josef Herbort

Die Sätze könnten der Liturgie einer ganz neuen „Kirche“ entstammen, einer wirklich postmodernen Gemeinde. Die hat den – trotz aller christologischen Erlösungstheologie – anachronistischen Irrealismus unseres immer noch auf Erde und Menschheit fixierten Welt- und Gottes-Bildes längst überwunden: „Klein ist die Erde, klein ist ihr Universum in der unendlichen Zahl der Universen.“ Sie löste sich vom klebrigen Boden einer zutiefst klerikalen transzendenten Dogmatik – aber sie durchschaute auch die Leere und Nichtigkeit eines allenfalls an Profit interessierten irdischen Fortschritts. Ihre Religion ist vernunftorientiert und doch auf eine unverfälschte Einfachheit gerichtet; sie beansprucht den ganzen Menschen und will doch seine Grenzen nicht überschreiten; ihre Ethik heißt Aesthetik, ihr Kult ist das Spiel: „GOTT, Du ewige unermeßliche Intelligenz, Schönheit, Du hast Dich in Kindern geäußert. Wir singen und spielen für DICH.“

Singend bitten die Gläubigen „um ein neues Paradies zur Vervollkommnung des Menschen“, eines wirklichen homo sapiens‚ der ein homo faber, weil ein homo ludens ist. Ein solcher Mensch freilich muß neu geboren werden – der alte war nur eine „Mißgeburt“, ein „Bastard vor den Engeln“, die „Dumpfheit vor der Wahrheit, die Monstrosität vor der Schönheit“ und, eben, die „Taubheit vor der Musikalität“.

Der neue Mensch: ein musikalischer Mensch; der neue Mythos: eine musikalische Komposition; der neue Kult: eine Oper in sieben Tagen; der neue Kosmos: die subtile Ordnung und Gravitation der „Formel“-Technik. Die Rolle des Komponisten Karlheinz Stockhausen: der erste Gläubige, Prophet und Hoherpriester zugleich.

Aus früheren Begegnungen wissen wir schon mehr über dieses neue Kerygma. Seine drei Zentralfiguren sind: Michael, das „Gesicht Gottes“, der „Schöpfer unseres lokalen Universums“; Luzifer, der Licht-Träger, der eine Rebellion anzettelte, indem er sich selber zu einer falschen Autonomie erhob; Eva, „in unserem Universum für unsere Erde die liebevolle Helferin für die Neugeburt der Menschheit“, der „die Verbesserung des menschlichen Körpers in den Paradiesen der Veredlung“ zu danken ist. Feministinnen haben hier nicht die geringste Chance.

Michael war am „Donnerstag“ der zyklischen LICHT-Woche Mensch geworden, um „für einen Weltentag zu leben in Unwissenheit“, um nur zu ahnen, „was ein Engel ist, ein Creator-Engel, eine Gottheit, GOTT des Alls“. Er hatte eine „Kindheit“ durchlaufen, hatte Liebe empfunden zu „Mondeva“, hatte ein „Examen“ gemacht vor der Aufnahme in die Hohe Schule der Musik (und ließ dabei das „Klavierstück XII“ spielen), hatte eine „Reise um die Welt“ unternommen, war dann bei der „Heimkehr“ in die himmlische Residenz mit einem „Festival“ gefeiert worden und hatte seine „Vision“ von sich und „GOTT dem Vater“ beendet in der überraschenden Mitteilung: „Mensch geworden bin ich, um Himmelsmusik den Menschen und Menschenmusik den Himmlischen zu bringen“ – Gnade also, Erlösung vielleicht sogar durch die Musik; die Tonkunst als das neue Sakrament des neuen Menschen in einem neuen, verwandelten Universum. (Wagners Parsifal bliebe hier allenfalls die Rolle eines kleinen Propheten in einem früheren Paradigma zu übernehmen.)

Luzifer, der „vornehmste unter den Engeln“, der sich „empörte, als der Mensch geschaffen wurde“ und deshalb „für ein Weltzeitalter“ mitsamt seiner rebellierenden Gefolgschaft in Ketten gebunden wurde, hatte im „Samstag“ zunächst den „Traum“, jemand spiele ein „Klavierstück XIII“, eine „Komposition in fünf Zeitschichten“ mit zunehmender „Stauchung von Figuren menschlicher Musik“, mit „Dehnungen und Pausen zur Aufhebung von Zeit“, mit einer „einfachen Melodie“ am Ende, gegen deren betörende Wirkung er sich nicht hatte wehren können: Er war einen Scheintod gestorben. Kathinka, die Flötistin, hatte durch ihren „Gesang“ Luzifer ein „Requiem“ bereiten wollen und dabei die „Seelen der Toten durch Lauschen zum klaren Bewußtsein“ geführt. Luzifer, wiedererwacht, hatte in einem großen „Tanz“ sich über die Menschenmusik mokiert, ein „Loblied über die Tugenden“ gesungen und den Erden-Bewohnern eine Mahnung verkündet: „Wenn du Mensch nie von Luzifer gelernt, wie Kontra-Geist und Unabhängigkeit den Ausdruck des Gesichts verzerrt, kannst du dein Antlitz nicht in Harmonie zum LICHTE wenden.“