Bone Burnett: „The Talking Animals“

Plattenhülle und -titel weisen schon ausdrücklich genug darauf hin: Nach so etwas wie Sinn, herkömmlicher Pop-Metaphorik oder gar geradlinig erzählten Geschichten wird man beim jüngsten T Bone Burnett-Album vergeblich suchen. Der Mann, der mühelos den Bogen von frühem Rockabilly bis zu spätem Tom Waits schlägt und als Produzent hoffnungsvollere Talente von den Bo-Deans und Peter Case bis zu Marshall Crenshaw und Los Lobos betreute, entwarf diesmal surreal anmutende Phantasmagorien. Beispielsweise in „Dance, Dance, Dance“, wo ein Frauenstamm auf einer geheimnisvollen Insel vor Argentinien ein King Kong-ähnliches Wesen verehrte, bis amerikanische Marinesoldaten diese „awful creatur“ erlegen und dort „happily ever after to the bitter end“ (sic!) leben. Mehr oder minder deutliche Anspielung auf den René Clair-Film „It Happened Tomorrow“ ist der letzte Song „The Strange Case of Frank Cash and the Morning Paper“, wo ein auf der Lonely Street lebender Profi-Killer plötzlich immer die Zeitung von morgen erhält, mit Wetten ein Vermögen verdient, einen John Walker erschießt, als der ihm die Zeitung nicht mehr liefert, und sich im Geschworenenprozeß dann mit dem Argument verteidigt, ein gewisser T Bone Burnett habe die ganze Geschichte nur erfunden! Woraufhin dieser wahre Schuldige noch ein Happy End folgen läßt. Für derlei bizarre Pop-Phantastik, die in der Art der Interpretation bisweilen an John Lennon erinnert, brachte man beim A & R-Department der deutschen CBS herzlich wenig Verständnis auf – also ist die Platte bislang nur als Import bei uns erhältlich. (Columbia CK 40792/jpc-Mailorder, Osnabrück) Franz Schüler

Craig Harris and Tailgater’s Tales: „Blackout in the Square Root of Soul“

Wörtlich übersetzt, wendet sich das Titelstück der „Verdunkelung in der Quadratwurzel der Seele“ zu und so rhapsodisch wie der Name des Stücks ist die Musik, eine merkwürdig wirre Mischung, erzeugt mit Posaune, Schlagzeug, Stimmen und elektronischen Klängen, die sich irgendwann zu einer jazzigen Melodiephrase bequemen. Ähnlich eigenwillig gebärden sich die Musiker auch unter dem Titel „Free I“: Begleitet von dumpfem und hellem Pochen, lamentiert eine Stimme, treten seltsame elektronische, klagende, unheimliche Klänge und Geräusche hervor, bekommen Gesellschaft von einer Art Glockenspiel, ergeben sich einem melancholischen Fetzchen Melodie – bis verzerrtes rauhes Stimmengeräusch das Stück zu Ende bringt. Am Ende ihrer Schallplatte versucht die Gruppe eine Art von Programmusik über „Erwachende Vorfahren“. Woraus hervorgeht, daß Klang und Geräusch, daß die Sound-Inszenierung wichtiger sind als die dürftigen Melodieversuche – auch als eine „Blues Dues“ genannte Rummelplatz-Solonummer auf der Posaune. „Herrliche Balladen“, wie Harris’ Werber glauben? Man sollte wissen, was Balladen sind! (JMT Productions 834 415-1) Manfred Sack