Eros Numero Uno hat jemand ziemlich nahe der Bühne auf seine italienische Flagge geschrieben, die er unentwegt schwenkt. Dabei hatte doch unlängst eine große Umfrage unter Jugendlichen nach dem "berühmtesten Italiener" ergeben, daß Eros Ramazzotti erst auf Platz 4 liegt. Hinter da Vinci, Michelangelo, Verdi. Und als sich der Vorhang in Essens Grugahalle mit dramatischer Langsamkeit emporhebt, zu elegisch-bombastischem Sound und zum rührendschrillen Gejauchze seines Publikums, da steht er auch da, auf einer weißen Treppe, dem Volke den Rücken zugewandt, wie ein Standbild, wie Michelangelos "David" im Armani-Anzug, wie Eros, der Lieblingsgott der Benetton-Generation.

Selten bei einem "Rock"-Konzert dürften die Hallenordner der Gruga einem so frischgewaschenen, strahlenden, vornehmen, ja beinahe aristokratischen Völkchen die Eintrittskarten abgerissen haben. Dazu zwei Stunden Eros Ramazzotti, das wandelnde Prinzip pubertärer Vorfreude, weniger noch als Petting, platonisch, rein, obwohl schon alles wissend. Zwei Stunden lang eigentlich keine Liebeslieder, sondern die Unvernunft des Herzens, der Farben, der Melodien. Zwei Stunden schunkelnder malinconia‚ der schönen schweren Traurigkeit des Erwachsenwerdens. Einer gut gelaunten Melacholie.

Eros Ramazzotti, ein 24jähriger Römer, unlängst zum ersten Mal auf Deutschland-Tournee, ist das, was man gern als "Phänomen" bezeichnet. Mit getragenen, musikalisch sehr traditionellen Liedern wie "Una Storia Importante", mit der typischen, italienisch-schwermütigen Ballade zur manchmal etwas arg orchestralen Rock-Begleitung ist er in einen Markt eingedrungen, in dem sonst vor Überschwang glucksender Rhythmus, Lärm und neueste Perversion als verkaufsfördernd gehandelt werden. Acht Gold- und sieben Platinplatten, so fragwürdig der Zauber der Metallveredelung auch sein mag, hat ihm seine dankbare Plattenfirma inzwischen überreicht. Von seinem zweiten Album "Nuovi Eroi" ("Neue Helden") wurden weltweit 1,2 Millionen Stück abgesetzt, von der neuen, seiner dritten LP, "In Certi Momenti" ("In gewissen Momenten"), allein in Deutschland eine viertel Million. Italiens Jugend vergöttert ihn, die fünftausend in der Grugahalle entzündeten vom ersten Ton an ihre Wunderkerzen, klatschten und johlten. Eros verklärte die Blicke. Und hier und da rollte ein Tränchen.

Dabei ist Ramazzotti weder der "neue italienische Mann" noch der gute alte macho. Fragt man ihn, ob er beleidigt sei, wenn man ihn "Schlagersänger" nennt, dann legt er einem die Hände zum Würgen um den Hals, aber einer der cantautori wie Lucio Dalla, Edoardo Bennato oder Lucio Battisti ist er auch nicht: "Die haben sich intelligent und poetisch konkreter Probleme angenommen, während meine Lieder allgemeingültiger sind", wie er findet. Aber dann wieder kann er ganz konkret sein, wie in einem Text seiner ersten Schallplatte, "Cuori Agitati" ("Erregte Gemüter"): "Wir lebten in der Vorstadt, wo keine Straßenbahn mehr hinkam."

Die Vorstadt, das war Cinecitta, am sozialen Stadtrand Roms, wo von dem Glamour der Filmproduktion wenig zu spüren war. Kein Wunder, daß ihn seine Produzenten gerne als italienischen James Dean oder Marlon Brando verkaufen möchten, Marke "Rauher Charme", das paßt zu der manchmal hellen und klaren und dann wieder sommersprossig wie Rita Pavone quäkenden Stimme, die immer wieder etwas Trotziges hat. Er posiert auch gern im Muskel-Shirt. Oder setzt sich auf seine weiße Treppe, na gut, in den Staub von "La Strada". So wie wohlhabende Jugend eben ihre kleine Rebellion inszeniert. Das Kaugummikauen, der gepflegte Griff ins Haupthaar, das Hemd oder die Bluse guter Qualität demonstrativ über der Hose oder dem Minirock hängend, auf dem Boden sitzend, vorwurfsvoll schmerzerfüllt und traurig. Und Eros singt: "Es wär’ schon ein Lastwagen nötig / vielleicht sogar einer mit Anhänger / um die Nerven zu entlasten / von einem Leben unter der Schraubzwinge, weißt du." Und das klingt natürlich mit der Poesie italienischer Laute, deren Melodie selbst banalere Worte adelt.

Was Eros Ramazzotti mit den wohlgekleideten und netten 16- bis 25jährigen der Benetton-Generation am meisten verbindet, ist seine hemmungslose Normalität. Der junge Mann tanzt nicht, er ist eher schüchtern, stellt sich zwar in Positur, aber vermeidet die großen Gebärden. Und wenn, dann trägt er gleich so dick auf, daß er vor seinem Chor-Girl auf die Knie fällt. Er macht nicht viele Worte, es sei denn beim Singen, hat nichts Exaltiertes, er spielt schon mal ein richtiges Rock-Solo, aber hängt es nicht an die große Glocke. Er ist der hübsche saubere Junge mit dem schönen ästhetischen Leiden in der Stimme. Die Rückkehr des schmachtenden Herzens. Nur nicht im Ernst, wie damals, sondern als eine Art lebendes Bild gegen die erwachsene Vernunft, gegen die Litanei von Sex als "ganz etwas Natürliches", gegen den lauen Zynismus "der Alten". Wo das richtige Leben an Dramatik reichlich zu wünschen übrig läßt (das schlimmste, was dir passieren kann, ist, daß bei deiner Eisdiele Stracciatella ausverkauft ist), da hat die Dramatik der Gefühle ihre zweite Chance.

"Wir wollen uns amüsieren", gibt er als Parole nach dem ersten Stück des Abends, einer Ballade, aus und spielt anschließend eine Ballade nach der anderen. Mit Texten wie: "Ich habe Dealer gesehen / die vor der Schule Drogen verkauften / ich habe Leben gesehen, das beginnt, als wäre es weggeworfen / in einen Müllsack, wie Abfall" (aus "Cose Che Ho Visto"). Oder auch: "Die Wirklichkeit in mir sucht immer neue Lieben / das ist der Inhalt des außer der Norm von mir gelebten Lebens / von wo du lebst / außerhalb deiner Gedanken" (aus "Questo Mio Vivere Un Puo Fuori"). Und er sir.gt das so naiv, wie es ist und wie er ist.

"Eigentlich", sagt er im Gespräch, dem er sich kaum widmen kann, weil er seine Managerin Donatella ständig mit kindsköpfigen Albereien ärgern muß, "eigentlich singe ich überhaupt keine Liebeslieder, sondern großenteils engagierte Lieder, in denen Liebe manchmal auch vorkommt, oder besser: die Gefühle, die sie hervorruft." Und trotz allem haben Ramazzottis Lieder diese Kraft der Melodie, südlich herb, zu gut für Schnulzen, nicht wirklich herzzerreißend, aber doch schluchzend, ohne Reue. Manche macht es skeptisch, daß Ramazzotti, seit seiner Entdeckung beim San Remo-Festival 1984, stets mit dem Gespann Piero Cassano und Adelio Cogliati gemeinsam schreibt und textet. Mancher denkt an Retorte und Big Business, als Eros jetzt mit einer sündhaft teuren Lichtanlage auf Tournee war. Aber, ach, es ist doch nur ein Spiel. Freddie Röckenhaus