Viren, die der Wind mitbringt – das ist die Rache der Kinder an Erwachsenen

Frühling. Nein, keine Rede von blauen Bändern und frischem Schnittlauch. Ein anderes jahreszeitliches Phänomen verdient, endlich aus der Tabuzone ans Licht gezerrt zu werden. In diesen Wochen, wenn die Abwehrkräfte lahm und die Knochen brüchig sind, nimmt der gewohnte Machtkampf zwischen Kindern und Erwachsenen plötzlich eine unerwartete Wende.

Unversehens verfügen die sonst unterjochten Kleinen über eine Geheimwaffe, die die Großen das Fürchten lehrt. Unsichtbar. Geräuschlos. Und unglaublich effizient; wenn auch nicht gegen alle, so doch gegen genug Gegner. Ähnlich wie bei der echten Nachrüstung sind sich übrigens die Experten keineswegs einig über Reichweite, Schlagkraft und mögliche Abschreckungsmaßnahmen. Aber der Reihe nach.

Zum Beispiel Michael H., Name der Red. bekannt, sieben Jahre alt, Schüler der zweiten Klasse. Michael ist ein guter Fußballspieler (Sturm) und treuer Zuschauer der „Sesamstraße“. Total unauffällige Kindernatur bis jetzt. Nun aber hat sich Michael H. als Meister im Umgang mit der Geheimwaffe erwiesen. Die Zahl seiner Opfer? Nicht weniger als sieben auf einen Streich – bis jetzt. Täuscht es, oder sieht Michael tatsächlich in diesen Tagen sehr zufrieden aus?

Die von ihm als Opfer erkorenen Erwachsenen hatten zwei Wochen lang nichts gemerkt. Dann jedoch, aus heiterem Himmel: unklares Schädelbrummen und Augenbrennen. Später entdeckten sie, am Arm oder am Hals, einen kleinen roten Pickel. Ein paar Stunden später zählten sie bereits sechzig dieser wassergefüllten Bläschen. Nach und nach ergriffen die Pickel vom ganzen Körper Besitz. Verschonten weder Nasenloch noch Fußsohle.

Der Arzt, um Aufklärung gebeten, greift in der Anamnese weit in die frühen Jahre zurück. Und dann steht die Diagnose fest: Windpocken. Bei Kindern völlig harmlos; Erwachsene hingegen können sie für zwei Wochen funktionsunfähig machen. Und: Sehr, sehr ansteckend. Von wegen Küssen, Anniesen... „Ein Luftzug genügt, wie der Name ja sagt: Windpocken.“ Ein gewisser Tadel in seiner Stimme ist nicht zu überhören: Hätten Sie diese Sache nicht rechtzeitig erledigen können?

Er verschreibt eine Schüttelmixtur, die angeblich den Juckreiz erträglich machen soll, und warnt vor fiebersenkenden Mitteln. Die Milch auf den Rücken aufzutragen, erfordert erhebliche Gelenkigkeit; für exotische Aufenthaltsorte des Exanthems wie Kopfhaut oder Lidrand ist sie sowieso ungeeignet.