Arbeiterführer in Weimar, Widerstandskämpfer gegen Hitler, Gründer der CDU in der sowjetischen Besatzungszone und gesamtdeutscher Minister unter Adenauer, das waren die herausragenden politischen Stationen Jakob Kaisers (1888-1961). In den parteioffiziellen Jubiläumsveranstaltungen anläßlich seines 100. Geburtstages (am 8. Februar) blieb die Erinnerung an den wortgewaltigen und tatkräftigen politischen Streiter auffallend blaß. Offensichtlich bietet ein Mann wie Jakob Kaiser, der zu jener längst ausgestorbenen Gattung des "politischen Urgesteins" gehörte, wie sie zuletzt noch von Herbert Wehner verkörpert wurde, der heutigen Politikergeneration kaum mehr Identifikationsmerkmale. Eine als "nationale und soziale Verpflichtung" verstandene publizistische Würdigung des "Gewerkschafters, Widerstandskämpfers und Patrioten" Jakob Kaiser wurde dann auch nicht von christdemokratischen Parteikreisen angeregt, sondern von der "Hans-Böckler-Stiftung" des Deutschen Gewerkschaftsbundes:

Jakob Kaiser. Gewerkschafter und Patriot. Eine Werkauswahl; herausgegeben und eingeleitet von Tilman Mayer; Bund Verlag, Köln 1988; 712 S., 39,80 DM.

Mit dieser Dokumentation – die Bezeichnung "Werkauswahl" ist nicht treffend – wird ein Abschnitt deutscher Geschichte aufgeblättert, der ebenso spannend wie vergessen ist. Zwar existiert schon seit zwanzig Jahren eine vierbändige Kaiser-Biographie (verfaßt von Werner Conze, Erich Kosthorst und Elfriede Nebgen), aber eine – wenn auch fragmentarische – Sammlung seiner Reden, Artikel und Briefe gab es bisher nicht.

Die chronologische Anordnung der Dokumente ist hilfreich für die Entzifferung einer ideenpolitischen Tradition, die bis in die Weimarer Republik zurückreicht. Schon 1918 übernahm Jakob Kaiser in der Rheinischen Zentrumspartei führende Funktionen und wurde in den Kölner Arbeiter- und Soldatenrat delegiert. Sein Name steht für jene linken Strömungen der alten Zentrumspartei und christlichen Gewerkschaftsbewegung, die nach Nationalsozialismus und Krieg einen Zusammenschluß der verschiedenen Kräfte der traditionellen Arbeiterbewegung anstrebten, eine "Partei der Arbeit" nach englischem Vorbild. Gescheitert sind diese Pläne vor allem am Widerstand der Kommunisten und Sozialdemokraten, die als erste ihre alten Parteiorganisationen und Dogmen wiederbelebten. So organisierten sich die christlichen Gewerkschafter in der neuen CDU, erst im Osten, dann im Westen. Das Ahlener Wirtschaftsprogramm vom Februar 1947 zeugt von der ursprünglichen Stärke der antikapitalistischen Mentalität auch in dieser Partei.

Bereits 1927 hat Jakob Kaiser die politischen Grundsätze, denen er in seinem gesamten politischen Leben treu blieb, prägnant formuliert, als Prognose, daß "Deutschland nur zur wahren, nationalen Republik werden kann, wenn sie eine soziale ist." Christliche Politik war für ihn stets die Einheit von sozialem und nationalem Engagement. Nach 1945, angesichts der Teilung Deutschlands, gewann Kaisers politisches Motto eine neue, aktuelle Bedeutung. "Einheit in Freiheit", das war für ihn nicht – wie für viele – hohle Phrase in Sonntagsreden, sondern eine kämpferische Losung, die aus der Zeit des antifaschistischen Widerstands stammte.

Nach der Ernüchterung darüber, daß man Hitler nicht friedlich "an die Wand drücken" konnte, hatte der christliche Politiker Kontakt zu Widerstandskreisen aufgenommen. 1938 geriet er in die Hände der Gestapo und hatte es nur glücklichen Umständen zu verdanken, daß er nach sechs Monaten Haft wieder entlassen wurde. Schon vor dem Krieg hatte er Verbindung zu den gewerkschaftlichen und militärischen Gruppen, die später den Aufstandsversuch vom 20. Juli 1944 vorbereiteten, zu Julius Leber, Wilhelm Leuschner, Carl Friedrich Goerdeler und Graf Stauffenberg. Das Kesseltreiben nach dem 20. Juli überlebte er in einem Babelsberger Keller-Versteck, aus dem er von Soldaten der Roten Armee befreit wurde.

Nach dem Krieg hat Kaiser in Reden und Aufsätzen immer wieder die Tragik des gescheiterten Aufstands thematisiert. Zehn Jahre später, im Juli 1954 schrieb er: "Wäre der 20. Juli erfolgreich gewesen, dann hätte es kaum zu einer Politik von Jalta und Potsdam kommen können. Denn dann hätte eine gesamtdeutsche Regierung bestanden, die ihre Legitimität aus der Befreiung des deutschen Volkes von der Herrschaft eines illegitimen Systems ableiten konnte."