Von Rainer Hupe

Seit Monaten liegen sie auf der Lauer. Die „Arbs“, wie die Arbitrageure, die in großem Stil auf kurzfristige Kursgewinne an der Börse spekulieren, im englischen Finanzjargon genannt werden, haben „Blut gerochen“, beschrieb das Wirtschaftsblatt Financial Times die Situation ungewohnt martialisch, aber wohl zutreffend. Wer dabei an Haie denkt, die von Blut im Wasser angelockt und zu aggressiven Angreifern werden, dürfte sich ein nicht allzu falsches Bild machen. Ihr Opfer ist Texaco, mit 35 Milliarden Dollar Umsatz und mehr als 50 000 Beschäftigten weltweit drittgrößte, amerikanische Ölgesellschaft. Das Unternehmen ist waidwund, seit es einen Prozeß gegen den kleineren texanischen Konkurrenten Pennzoil wegen der Übernahme der Firma Getty Oil vor fast genau vier Jahren verloren hat. Nach mehrjährigem Rechtsstreit muß Texaco nun fast sechs Milliarden Dollar aufbringen.

Einer der ersten, der die großen Spekulationsmöglichkeiten erkannte und auch nach dem Börsencrash vom 19. Oktober noch genügend Geld hatte oder Kredite aufnehmen konnte, war der New Yorker Firmenjongleur Carl Icahn. Ende November kaufte er ein Aktienpaket und war fortan größter Einzelaktionär bei Texaco mit fast fünfzehn Prozent. Was immer Icahn noch vorhat, der Coup hat sich schon jetzt gelohnt: Würde er seinen Anteil heute verkaufen, hätte er einen Gewinn von mehr als siebenhundert Millionen Dollar gemacht – in nur vier Monaten!

Kein Wunder, daß andere Arbitrageure vom Kaliber Icahns – etwa T. Boone Pickens – beim Ausverkauf des Ölmultis ebenfalls Kasse machen wollen. Seit März gehört auch die New Yorker Finanzfirma Kohlberg Kravis Roberts (KKR) dazu, Spezialist im Aufteilen und Weiterverkaufen von Unternehmen. Denn das genau wird bei Texaco passieren. Die deutsche Tochtergesellschaft ist definitiv im Angebot, und die 1,5 Milliarden Dollar, die dafür zu erlösen sind, reichen nicht aus, um die Schulden der Mutter zu bezahlen. Es werden also weitere Teile folgen, wenn nicht das ganze Unternehmen.

Der Fall ist gewiß eines der spektakulärsten Beispiele für die an Finanzschlachten um Konzerne nicht arme Wall Street. Doch er könnte auch zum eindruckvollsten Exempel für einen weiteren tiefgreifenden Wandel im internationalen Ölgeschäft werden: das Eindringen der Ölförderländer in das Geschäft mit den Kunden an der Tankstelle und beim Heizölhändler. Nichts würde die Veränderung so deutlich demonstrieren wie der Verkauf von Teilen des Ölmultis Texaco an Saudi-Arabien, Venezuela oder Kuwait, worüber seit Wochen spekuliert wird.

Das amerikanische Unternehmen gehört nämlich zu den einst legendären sieben „Schwestern“, den Konzernen Exxon (Esso), Shell, BP, Mobil, Texaco, Chevron und Gulf, die das weltweite Ölgeschäft vom Bohrloch bis zum Verbraucher fest im Griff hatten. Texaco etwa war einer der Hauptanteilseigner der Arabian American Company (Aramco), die exklusiv saudisches Öl förderte und vermarktete. Auch an dem Konsortium, das die Förderrechte im Persien des Schah Reza Pahlevi hatte, war Texaco beteiligt. Selbst als die Ölländer politisch unabhängig von ihren Kolonialmächten geworden waren, förderten die Konzerne das Öl zumeist noch unter den Bedingungen der einstigen Herrschaft.

Sie waren die Besitzer und zahlten den Ländern eine meist nicht gerade üppige Konzessionsabgabe. Erst nach dem ersten Ölpreisschock 1973 bekamen die Förderländer das sogenannte upstream-Geschäft – vom Bohrloch bis zur Raffinerie – in die Hand. Die internationalen Konzerne wurden zumeist enteignet, Förderkonsortien wie Aramco verstaatlicht. Die Ölländer verkauften ihren begehrten Rohstoff an die Unternehmen – zu horrend steigenden Preisen in den folgenden Jahren.