Eine Heimsuchung alttestamentarischen Charakters verbreitete während der vergangenen Wochen Angst und Schrecken in ganz Nordafrika. Die nach biblischer wie koranischer Rechnung achte Heuschreckenplage in der Geschichte der Menschheit vernichtete bisher mindestens ein Drittel der Ernten auf zwei Millionen Quadratkilometern zwischen Mauretanien und Libyen. In den Krisengebieten des Sahel und der Westsahara dürfte sie in den nächsten Monaten für neue Hungersnöte sorgen. Nur weil der Wind mittlerweile gedreht und es ausgiebig geregnet hat, konnten die grünen Vielfraße nicht auch noch nach Europa übersetzen. Einzelne Exemplare waren immerhin bereits nach Malta, Sizilien und ins südspanische Almeria vorgestoßen.

Inzwischen behaupten die Krisenstäbe, die Situation auch im Maghreb unter Kontrolle zu haben. Eine von zwölf Ländern zur Verfügung gestellte Flotte von über hundert Sprühflugzeugen und Helikoptern hat bisher insgesamt zwei Millionen Hektar Kulturen mit Hunderten von Tonnen Insektiziden behandelt. Selbst die marokkanische Armee und die Westsahara-Befreiungsfront Polisario fanden sich zu einem vorübergehenden Waffenstillstand bereit, um diese Einsätze zu erleichtern.

Kosten wird diese Katastrophe freilich nicht bloß den offiziellen Hektarpreis von 28 Dollar und erhebliche Ernteverluste in einem Jahr, das sich als eines der ertragreichsten seit langem angekündigt hatte. Befürchtet wird jetzt immer mehr auch noch ein ökologisches Drama als direkte Folge unkoordinierten, maß- und vor allem verantwortungsloser Insektizideinsätze. Denn verwendet wurden in der Verzweiflung auch Sprühmittel, die von der Welternährungsorganisation FAO und vom UNO-Register toxischer Chemikalien seit Jahren verboten sind: HCH, Dieldrine und andere schwer abbaubare organchloride Substanzen mit schwerwiegenden Langzeitwirkungen auf die Lebensmittelkette, die Vogelfauna und nachweislich auch krebsfördernden Eigenschaften für den menschlichen Organismus. Nachdem die Heuschrecken die als natürliche Verteidigungslinie betrachtete Atlaskette mühelos überwunden hatten, bestanden die afrikanischen Politiker darauf, mit härtesten Mitteln gegen die Plage vorzugehen. Sie griffen auf ihre alten Bestände an Schädlingsbekämpfungsmitteln zurück, die FAO-Aufseher willigten zähneknirschend ein.

Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Allein im südtunesischen Tozeur wurden bereits mehr als fünfzig schwere Vergiftungsfälle registriert. Trotz aller Warnungen der Behörden hatten hungrige Menschen dort wie anderswo verendete Vögel, besprühte Pflanzen und selbst tote Heuschrecken gegessen. Da die bis zu fünfzig Kilometer breiten und drei Kilometer tiefen Schwärme beispielsweise auch die in den vergangenen Jahren mühsam angelegten Wüstengärten der sahrauischen Flüchtlingslager in der Umgebung der algerischen Oase Tindouf kahlgefressen hatten, befürchtet man nun auch dort ähnliche Probleme.

Dies alles ist ausgerechnet der umweltbewußteren Anwendung agrochemischer Produkte, wie sie sich seit Mitte der siebziger Jahre auch in Afrika durchgesetzt hatte, zu verdanken. Die jetzt ausgebrochene Plage nahm ihren Anfang schon 1976 an der Rotmeerküste Eritreas. Weil sie dort aber wegen der Kriege in Äthiopien und im Südsudan nicht wirksam bekämpft werden konnte, stieß sie über den ebenfalls krisengeschüttelten Tschad langsam nach Westen bis nach Mauretanien vor. Man versuchte ihrer zunächst mit „harmloseren“, während 48 Stunden abbaubaren Mitteln wie Carbaryl und Malathion Herr zu werden. Aber offensichtlich waren die sich im Sechzigtagezyklus fortpflanzenden Tiere in der Zwischenzeit dagegen weitgehend resistent geworden. Ein feuchter Winter und die für die Heuschrecken geradezu ideale Durchschnittstemperatur von dreißig Grad ließ die Schwärme dann in den Sahelzonen auf Millionengröße anwachsen.

Ihr Auftauchen verdunkelte nach Augenzeugenberichten minutenlang den Himmel. In 24 Stunden fraßen sie 4000 Tonnen Weizen – mehr als ihr Eigengewicht und eine Menge, von der eine Million Menschen während derselben Zeit satt würde. Jetzt hat die Chemie die Heuschrecken doch noch besiegt, aber die Schäden dürften sich noch monate- oder gar jahrelang auswirken. Die Umweltdebatte ist jedenfalls durch diese traumatische Erfahrung um einen Widerspruch komplizierter geworden.

Alexander Gschwind