Von Raissa Orlowa und Lew Kopelew

Jewgenij Gnedin wurde 1897 in Dresden geboren. Seine Mutter war eine russische Sozialdemokratin, sein Vater der einst sehr bekannte deutsch-russisch-polnische Sozialist und kosmopolitische Abenteurer Alexander Parvus; der Sohn hat ihn nie gesehen, und als er von ihm erfuhr, verachtete er ihn als Verräter am Sozialismus. In den zwanziger Jahren studierte Gnedin Geschichte und Philosophie, arbeitete dann als Journalist, schrieb Gedichte. Später wurde er Mitarbeiter an der sowjetischen Botschaft im Nazi-Berlin, danach Pressechef im Volkskommissariat des Äußeren. Im April 1939 wurde der Volkskommissar Maxim Litwinow seines Postens enthoben; ihn löste Molotow ab, der damals schon den Stalin-Hitler-Pakt vorzubereiten begann.

Am 2. Mai 1939 wurde Gnedin in Molotows Arbeitszimmer verhaftet. In Berijas Arbeitszimmer wurde er zum ersten Mal gefoltert. Doch er widerstand den Schmerzen, der Angst und dem Entsetzen. Sein beharrlicher Wille, den Sinn und die Ursachen von dem, was mit ihm geschah zu begreifen, sein Mut und seine Lauterkeit halfen ihm standzuhalten. Er hat nichts unterschrieben, was die Folterknechte ihm vorlegten – sie verlangten von ihm vor allem belastendes Material gegen Litwinow. Er überlebte die Folterkammern und kam ins Straflager.

„Ich bin ich selbst geblieben“, schrieb er in einem der ersten seiner Gefängnisgedichte. „Nachdem ich den psychologischen Druck der Einzelzelle überwunden, die Bürde der Zwangsarbeit in den Lagern und in der Verbannung sowie die Erfahrungen und die Schwere der langjährigen Arbeit in einem gesundheitsgefährdenden Industriebetrieb ertragen hatte, begann ich allmählich zu begreifen, was wirkliche innere Freiheit für einen Menschen bedeutet.“

Diese im Gefängnis gewonnene innere Freiheit war ihm in den sechziger und siebziger Jahren immer deutlicher bewußt geworden.

An dem, was er geschrieben hatte, fasziniert auch sein Mut zur schonungslosen Selbsterkenntnis. Dabei beschäftigt er sich nie allein mit sich selbst. Er erzählt von seiner Vergangenheit und hat stets die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft im Blick. Sein lebhafter Sinn für Humor begleitet auch ernste und traurige Erkenntnisse.

In seine kleine Moskauer Wohnung kamen alte und neue Freunde, frühere Häftlinge, junge Studenten und Doktoranden, deutsche Historiker, italienische Kommunisten, amerikanische Politologen ... Er befragte seine Gäste und erzählte selbst, dachte laut, diskutierte über historische, philosophische, politische und ästhetische Probleme, über Bücher, Zeitungsberichte und Alltagsereignisse. Freigiebig teilte er. sein Wissen, seine Erinnerungen, seine Gedanken mit, und auch unter den jüngsten Freunden war er einer der ihrigen. Weil er sich selbst immer treu blieb ist er bis zuletzt jung geblieben. Er war einer der Gründer und selbst aktiver Autor des Samisdat-Almanachs Pamjat (Gedächtnis) und der Zeitschrift Poiski (Auf der Suche).