Von Sven Papcke

Obwohl die nationalsozialistische Herrschaft eine der größten Massenvertreibungen ... eingeleitet hat, ist das Wissen darüber noch relativ beschränkt. Die politischen Umstände dieses Exodus und die Stationen der Wanderung sind zwar bekannt, ebenso weiß man einiges über die soziale Struktur der Vertriebenen sowie über die kulturellen Konsequenzen der Vertreibung, doch ist das alles recht allgemein und oberflächlich.“ Mit eher nüchternem Blick auf den einschlägigen Forschungsstand leitet Claus-Dieter Krohn seine Untersuchung über das seiner Meinung nach bedeutsamste Zentrum des deutschen Exils ein.

Claus-Dieter Krohn: Wissenschaft im Exil; Deutsche Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler in den USA und die New School for Social Research; Campus Verlag, Frankfurt 1987; 286 S., 39,– DM.

Und dieser Superlativ ist keineswegs ein dramaturgischer Kunstgriff, etwa um zu rechtfertigen, warum es noch heute, Jahrzehnte später, angebracht sein kann, Hunderte von Seiten über eine Exil-Universität zu füllen, die nach 1933 unter dem Namen „New School for Social Research“ vielen der aus Europa geflüchteten Wissenschaftlern in der 66th West 12th Street von New York Zuflucht und Arbeit bot. Die Darstellung des in Lüneburg lehrenden Dozenten für Neuere Geschichte behandelt in diesem Zusammenhang auch das merkwürdige Zwielicht, in dem die Exilforschung noch immer steht. Da gibt es noch handfeste Vorurteile und Erkenntnis-Sperren.

Gerade der spezifische, sozialreform-orientierte Theorieansatz der „New School“ blieb in der Bundesrepublik bis in die späten 60er Jahre hinein ohne Interesse. So wußte man zwar einiges über die Geschichte dieser Institution, die von dem amerikanischen Sozialwissenschaftler Alvin Johnson für das Exil auf die Beine gestellt wurde, übersah aber jene, die diese Einrichtung durch ihre Mitarbeit erst mit Leben füllten. Um solche Halbherzigkeit zu erklären, muß man etwas ausholen.

Lange blieb die Exilforschung dem Stimmungsverlauf der allgemeinen Politik verpflichtet; ja noch jetzt unterliegen ihre Rezeptions-Konjunkturen Auswahlkriterien, die oft weniger mit dem Exil zu tun haben, als vielmehr mit dem Vorwissen, der Weltanschauung oder auch der Motivation derer, die sich mit diesem Phänomen beschäftigen. Vor den Augen der Studentenbewegung der sechziger Jahre, die sich ansonsten um das Exil verdient gemacht hat, fand beispielsweise nur Gnade, wer links-gestrickt zu sein schien. Auch in der DDR-Forschung, die relativ früh recht viel für diese Thematik getan hat, sah und sieht sich nur gewürdigt, wer ins ideologische Schema paßt. Wohingegen wiederum die Adenauer-Ära und ihre Erben nur aus dem Vergessen erlösen mochten, was christlich-konservativ wirkte. Diese etwas holzschnittartige Feststellung mag erklären, wieso bis heute Personenkreise oder auch Denkweisen im Exil verblieben, indem sie in keine der gängigen Schubladen gehörten.

Die von Krohn aufgezählten 71 deutschen Vertreter der „New School“ können zumeist eine respektable Wirkungsgeschichte in den USA vorweisen, insofern sind Namen wie Adolf Löwe, Emil Lederer, Jacob Marschak oder Hans Speier hierzulande nicht unbekannt geblieben. Gleichwohl hat man doch bisher ihre Gemeinsamkeit im Denkansatz vernachlässigt, dem das Buch eine geradezu überraschende Aktualität für die heutigen Steuerungsprobleme in der Wirtschaftskrise bescheinigt. Man darf annehmen, daß diese vermutete „Modernität“ den Anreiz für Claus-Dieter Krohn darstellte, sich mit der „New School“ zu befassen.