Von Gabriele Venzky

Vielleicht ist der sowjetische Abzug vom Hindukusch das Wunder des 20. Jahrhunderts, wie der pakistanische Staatschef Zia ul-Haq meint. Doch will Siegeseuphorie so recht nicht aufkommen bei all jenen, die diesen Rückzug seit Jahren gefordert haben. Selbst aus Washington klingen die Reaktionen gedämpft. Fast ist es so, als ob sich mancher wünschte, die Sowjets würden ein bißchen länger bleiben.

Am deutlichsten wurde ausgerechnet Pakistan, das "Bollwerk gegen den Kommunismus", – und dies wohl kaum ohne die Billigung des großen Verbündeten Amerika, bei dem es am Lebenstropf hängt. Der Vorschlag, in Kabul eine Koalition zu installieren – ein Drittel Kommunisten, ein Drittel Mudjaheddin sowie ein Drittel aus sogenannten Unabhängigen, die weder etwas mit Nadschibullah noch mit den in Pakistan ausstaffierten Widerstandskämpfern zu tun haben –, war weniger Hinhaltetaktik als der Versuch, die allein funktionstüchtige Ordnungsmacht Sowjetunion zu binden.

So absurd es auf den ersten Blick erscheint: Die Kommunisten sind die einzigen, die während einer Interimsregierung die islamischen Fundamentalisten in Schach halten könnten. Denn deren Machtübernahme heißt wohl Chaos. Washington hat als "Freiheitskämpfer" sieben Jahre lang Leute unterstützt, die mit den Idealen von Freiheit und Fortschritt nicht das geringste im Sinn haben. Mehr noch, sie machen, wie zum Beispiel der Fundamentalisten-Führer Gulbuddin Hekmatyar, überhaupt keinen Hehl aus ihrer antiamerikanischen und antiwestlichen Einstellung.

Der Sieg dieser Rebellengruppen kann nur eines zur Folge haben: Er wird die gesamte Region ins Rutschen bringen – nicht nur Afghanistan, sondern wohl auch Pakistan. Doch Pakistans Stützpunkte spielen für die 40 000 Mann des amerikanischen CENTCOM (Central Command), die im Ernstfall den westlichen Zugang zu den Ölfeldern sichern sollen, eine wichtigere Rolle als die Basen in Oman, Somalia, Kenia und Ägypten, schon wegen der geringeren Entfernung.

Nicht erst die sowjetische Invasion Afghanistans, sondern bereits der Sturz des Schah im Iran war der entscheidende Wendepunkt für die amerikanische Politik im westlichen und südlichen Asien. Er führte zu der engen Bindung an das wacklige Pakistan und verhalf dessen Diktator Zia ul-Haq zum politischen Überleben. Nun droht im Großraum Afghanistan/Pakistan abermals der Star tus quo zu zerbrechen. Washingtons Sicherheitsinteressen werden davon empfindlich berührt. Die Sowjets können erst einmal abwarten.

In den Amtsstuben und Kasernen von Kabul wie in der afghanischen Provinz taucht neben den Bildern von Marx, Lenin und Gorbatschow immer wieder auch ein anderes auf. Es zeigt Amanullah, den progressivsten der afghanischen Könige des 20. Jahrhunderts, zusammen mit dem damaligen sowjetischen Präsidenten Kalinin. Das war 1919, kurz nach der Revolution. Damals begann das "besondere Verhältnis" zwischen der Sowjetunion und Afghanistan. 1921 wurde jener Vertrag unterzeichnet, auf den der Kreml sich jetzt beruft, wenn es um weitere Waffenlieferungen für das Regime in Kabul geht.