ARD, Sonnabend, 9. April, "Ein Matjes singt nicht mehr"

Der Schwank gelte als niedrig, sagt Bertolt Brecht, aber das sei kein Einwand. "Wir alle haben Spaß am Niedrigen, und dazu haben wir ein Naturrecht. Was mich betrifft, so muß es nur ganz unverhüllt auftreten, damit ich mich auf seine Seite stellen kann." Die Schwanke des Hamburger Ohnsorg-Theaters, die der NDR nun schon eine ganze Epoche lang ins Erste übernimmt, erfüllen die Brechtsche Bedingung. Und sie lassen uns, in aller Regel, unseres Naturrechts froh werden.

Auch "Ein Matjes singt nicht mehr" von Konrad Hansen, lernen Sonnabend im Programm, machte keine Ausnahme. Hans-Otto, obschon nicht mehr jung an Jahren, freit die Tochter seines Chefs. Paula, seine Schwester, ein älteres Herz mit Schnauze, und die nichteheliche Tochter Dele, von der Papa nicht ahnt, daß sie’s ist, vereiteln die Mesalliance: Zwar stiege Hans-Otto gesellschaftlich auf, menschlich aber ab. Am Schluß ist es nicht die Braut, die erkannt wird, sondern die Tochter. "Hansi" bleibt in seinen Kreisen, und die neureiche Fischhändlerfamilie steht blamiert da. Recht so.

Es gibt bessere Schwanke als "Ein Matjes ...". Aber weniges aus der Sparte "populäre Unterhaltung" ist besser als dieser Schwank. Das liegt an den Regeln des Genres, die einerseits ein Höchstmaß an dramaturgischer und schauspielerischer Präzision verlangen, andererseits eine Garantie auf reine Gaudi bieten, beides also vereinen: Kunst und Quatsch. Hinter jeder Tür – und die Schwankdekoration sieht deren mindestens dreie vor – verbirgt sich eine Katastrophe, die natürlich eintritt, am Ende aber glücklich entschärft wird. Während Kasperl den Kindern erklärt, daß das Krokodil ihm rein gar nichts anhaben könne, sperrt das Monstrum in seinem Rücken schon den mächtigen Rachen auf. Und die Kinderschar kreischt in hellem Entzücken. Der Schwank zeigt uns, daß wir in gewisser Hinsicht Kinder bleiben.

Das bedeutet nicht, daß er anspruchslos sei, im Gegenteil. Schwänke schreiben ist Äquilibristik. Da kommt nur der Jongleur mit, der auch noch um das Fußgelenk einen Ring schwingt. Und wie der Autor haben die Darsteller ein Höchstmaß an handwerklicher Zuverlässigkeit aufzubringen. Im Schwank kann man nicht mogeln, denn man kann ihn nicht interpretieren. Entweder der Plot haut hin oder nicht, entweder der Jongleur fängt die Ringe oder nicht.

Ein gelungener Schwank, und so auch der "Matjes", sammelt das Gelächter wie sommers die Bienen den Nektar. Das Ohnsorgpublikum, schwankerfahren, geizte zu Beginn mit seinem Honig, kam aber dann doch in Fahrt. Der trinkfreudige Klempner, der das ganze Stück über die Klospülung repariert und in den jeweils passenden Momenten singend auf die Bühne torkelt, ist ein typischer und ein trefflicher Schwankeinfall. Und die Direktorengattin, die eigentlich zu den unsympathischen Leuten gehört, das Publikum aber auf ihre Seite zieht, weil sie "unverhüllt" nymphomanisch ist, die braucht nur ihre Augen zu rollen, und schon erntet sie Lacher. Doch nicht deshalb, weil sich der "Spaß am Niedrigen" von selbst einstellt, sondern weil Konrad Hansen, Regisseur Hans Jürgen Ott und die Komödianten des Ohnsorg-Theaters verdiente Gleichgewichtskünstler sind.

Bis heute gilt der Schwank wenig – er sei überholt und spießig, heißt es. Aber Kasperl ist immer auf der Seite derer, die im Zweifelsfall eins über die Rübe kriegen. Auch der Schwank hält seit Arnoldund-Bachs Zeiten zu den kleinen Leuten und bewahrt insofern ein Stückchen Aufsässigkeit der älteren Posse. In Amerika hat ihn das Boulevard-Theater wiederentdeckt, hierzulande harrt er seiner Erweckung für das große Publikum. Daß das Fernsehen ihm Gastrecht gewährt, ist ein Verdienst dieses mächtigen Mediums.

Barbara Sichtermann