Von Volker Mauersberger

Die festliche Abendgesellschaft im Lissabonner Sheraton-Hotel muß lange warten, bis sich der Ehrengast endlich zur Schlußansprache erhebt. Die Kerzen auf den Tischen sind längst niedergebrannt, als Mario Soares ans Saalmikrophon tritt. Portugals Staatspräsident, an diesem Abend zu Gast bei deutschen Unternehmern, spricht von der Wirtschaft als einer „Waffe des Friedens“, von der Umbruchzeit nach der portugiesischen April-Revolution. Und speziell an seine Gastgeber gewandt urteilt er: „Die Beziehungen zwischen Portugal und der Bundesrepublik sind exzellent. Das deutsche Volk hat viel zur Stärkung der Demokratie in meinem Lande beigetragen. Das werden wir nie vergessen.“

Portugals Staatspräsident dürfte diese Sätze, da bis auf eine mangelnde Investitionsbereitschaft der deutschen Industrie in Portugal keine Probleme die bilateralen Beziehungen überschatten, in vielfacher Weise variieren, wenn er in der nächsten Woche zum Staatsbesuch in die Bundesrepublik kommt. Es gibt nur wenige europäische Politiker, die sich wie Mario Soares auf Hilfe und Zuspruch aus Bonn berufen können. Soares hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß seine politische Karriere besonders durch die deutschen Sozialdemokraten gefördert wurde. „Es ist eine Pflicht der Dankbarkeit, auf das Verdienst der Sozialdemokratischen Partei von Willy Brandt und Helmut Schmidt hinzuweisen.“ Dies sagt der Mann, der fast auf den Tag genau vor fünfzehn Jahren in Portugal Bannerträger eines demokratischen Sozialismus wurde. Am 19. April 1973 wurde in der Heimvolkshochschule in Bad Münstereifel – einem Institut der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung – die Sozialistische Partei Portugals gegründet. Der im Pariser Exil lebende Mario Soares wurde zum Vorsitzenden einer Partei gewählt, die ein „demokratisches Portugal“ anstreben sollte, „das sich in Europa eingliedert, wohin es gehört“.

Niemand ahnte damals, daß kaum ein Jahr später der Aufstand linker Offiziere eine jahrzehntelange Diktatur in Portugal beenden würde. Der als „Revolution der Nelken“ verklärte Umsturzversuch meuternder Militärs hat einen seiner späteren Hauptakteure völlig überrascht: Mario Soares hielt sich am Morgen des 25. April 1974 in der Bundeshauptstadt auf, als er aus seinem Bonner Hotelbett geklingelt und von einem Beamten des Auswärtigen Amtes darüber informiert wurde, daß wenige Stunden zuvor eine tiefgreifende, politisch kaum zu kalkulierende Revolutionsbewegung in Portugal begonnen hatte.

Wer war jener Mann, den drei Tage später eine jubelnde Menschenmenge vor dem Zentralbahnhof von Lissabon begrüßte und der bei seinem ersten Auftritt vor der Auslandspresse die vier bedeutungsschweren Worte sagte: „Endlich sind wir frei.“ Ein Photo aus jenen, von revolutionärem Pathos erfüllten Tagen zeigt Mario Soares mitten in einer wild gestikulierenden Menschenmenge, den Blick nach innen gerichtet, fast geistesabwesend – jahrzehntelang hatte er für diesen Augenblick der stürmisch ausbrechenden Freiheit gekämpft und gelitten.

Der heute 64 Jahre alte Staatspräsident wuchs in einem liberal-republikanischen Lehrerhaushalt auf. Seinen Vater beschrieb er als einen aktiven Verschwörer, der sich „mit der Waffe in der Hand“ gegen die Diktaturen von Pimento de Castro und Sidonio Paes gewehrt hatte, ein politischer Abenteurer, der sein Draufgängertum mit Gefängnis und Verbannung bezahlen mußte. „Ich erinnere mich an meine Besuche bei ihm im Gefängnis“, schrieb der Sohn in einer viel gelesenen Autobiographie, „wo ich mich sehr viel später in der gleichen Zelle mit ihm wiederfinden sollte.“ Wie der Vater lehnte sich auch der junge Mario gegen die Diktatoren seiner Zeit auf. Er wurde unter Salazar und Caetano zwölfmal von der berüchtigten Geheimpolizei Pide verhaftet und eingesperrt. Als er sich mit besessener Akribie in die Aufklärung eines politischen Mordfalles stürzte, wurde Soares, der inzwischen zum gefürchteten Anwalt avanciert war, auf die afrikanische Atlantikinsel São Tomé verbannt. „Man muß die Verschwörung des Schweigens durchbrechen“, schrieb er damals in einem Brief an seine Familie in Lissabon, „denn das Schweigen ist ein zweiter Mord.“

Dieser moralische Rigorismus zählt bis heute zu seinen beherrschenden Charakterzügen. Der Salazar-Nachfolger Caetano schickte ihn ins Exil, nachdem er dessen Kolonialpolitik im Ausland angeprangert hatte. Dem mißliebigen Unruhestifter blieben damals nur wenige Stunden Zeit, um seine Koffer zu packen und nach Frankreich zu flüchten.