Als die Tagesschau am Gründonnerstag den verlorenen Schuh zeigte und das Fahrrad und dann Bilder des agitierenden Dutschke, sagte mein Vater, das geschehe dem ganz recht, was habe er sich auch auf der Straße rumtreiben müssen statt zu studieren. Viel Angst hatten meine Eltern nicht um mich, als ich nach den Osterferien wieder in die Schule mußte; mit elf Jahren war man noch kaum mit Vietnam und "Enteignet Springer!" zu infizieren.

Meine Eltern lasen die Bildzeitung ebensowenig wie irgendeine andere Zeitung, aber sie waren selbstverständlich auch gegen die rebellischen Studenten. Die Lehrer hatten ein geringfügig höheres Reflexionsniveau, sie gaben die Slogans aus Berlin und Frankfurt vor uns der Lächerlichkeit preis, obwohl wir gar nicht so recht wußten, auf was da angespielt wurde. Am Wandertag skandierten wir trotzig "Ho-Ho-Ho-Chi-Minh", ohne auch da zu wissen, wer damit gemeint war. Hauptsache, es war lustig. Wichtig für uns war nicht Dutschke oder die antiautoritäre Geschichte, sondern daß es Jimi Hendrix gab und daß die Rolling Stones in jenem Jahr wegen Besitzes von Rauschmitteln ins Gefängnis mußten. Als im Juli "Beggar’s Banquet" herauskam, entschuldigte sich Mick Jagger und meinte, als armer Junge könne man schlecht was andres tun als in einer Rock’n’Roll-Band zu singen. Das war unser Lied vom "Street Fighting Man".

In der bayerischen Provinz ahnten wir wenig von den Szenen, die sich in den Großstädten abspielten, und von Adorno und Marcuse schon gar nichts. Nur der Religionslehrer gab uns unfreiwillig Aufschluß, als er empört aus dem Protokoll der Kommune 2 vorlas, wie da einer ein Kind an seiner Vorhaut zupfen ließ. Das war schon sehr lustig. Für uns ging der Kampf um die Länge der Haare und wie laut man die Musik aufdrehen konnte; was hätte auch wichtiger sein können.

Später las ich in einem Märchenbuch namens "Heißer Sommer" von so vielen Abenteuern aus dem Schwabinger Dschungel, daß ich nachträglich auch gern dabei gewesen wäre. Da war, wenn dem Autor Uwe Timm denn zu trauen ist, wirklich der Bär los, eine Party ohne Ende. Sie hat zweifellos auch schöne Nebenwirkungen gezeitigt: die 68er brachten Westdeutschland den überfälligen Modernisierungsschub. In den Verlagen und Redaktionen rannten sie weitoffene Türen ein, die hinter ihnen ins Schloß fielen. Sie sind seither nicht mehr wegzukriegen, die alten Herren. Selbst in ihren Biertischerzählungen werden sie den Vätern immer ähnlicher, die vom Schwarzmarkt und der Aufbauarbeit in den Fünfzigern schwärmten. Mit ihren vielen Kleinanliegen und Mikroinitiativen von der Sorge um bleifreie Kondensmilch bis zur Aktion Sauberer Sandkasten, haben die 68er die ganze Gesellschaft sozialdemokratisiert, haben sie wahrscheinlich doch für etwas angenehmere Lebensbedingungen gesorgt.

Vor allem aber ist mit ihrer Hilfe in den letzten zwanzig Jahren das allgemeine Intelligenzniveau gestiegen. Unter ihrer Anleitung haben qua Auseinandersetzung alle dazugelernt und sind ein klein wenig klüger geworden. Selbst Bild hetzt nicht mehr so doof wie vor zwanzig Jahren, selbst meinen Eltern ist inzwischen aufgegangen, daß es gute Gründe geben kann, für die jemand auf die Straße geht statt zu arbeiten. Die Welt ist, seit die Kinder damit betraut wurden, ihre Eltern zu erziehen, erheblich jünger geworden.

Wenn allerdings der Weltgeschichtsschreiber einmal das ausgehende 20. Jahrhundert kartiert und sortiert, wird er festhalten müssen, daß die allgemeine Verjugendlichung nicht an den Barrikaden erkämpft worden ist, sondern über die Musik der Beatles; daß die Popkultur letztlich doch wichtiger war als Mao und Nixon und die RAF; und daß nicht etwa Otto Schily & seine Grünen die legitimen Erben von 1968 sind, sondern – quelle surprise! – unser guter Thomas Gottschalk. Das war’s dann gewesen. Willi Winkler