Von Otto Köhler

Das Neue Polizeiarchiv herausgegeben unter Mitwirkung leitender Fachkräfte der Polizei und Justiz, gab im März 1987 bekannt: "Bei vielen Bürgern und Gruppen hat in der Bundesrepublik Deutschland die Neigung zugenommen, Gewalt anzuwenden, um den eigenen Willen durchzusetzen. Gleichzeitig erfuhr der Anarchismus eine starke Belebung."

Das Neue Polizeiarchiv ermittelte, woher das kommt: "Aufbauend auf die ’Gruppe 47‘, die den literarischen Markt beherrscht, wurde die Weltsicht zeitgenössischer deutscher Schriftsteller durch die Vermittlung der Massenmedien für viele Bürger zur ’wahren Wirklichkeit’... Schriftsteller haben Werte und Normen zerstört und so wichtige Dämme unterhöhlt."

Diese polizeiamtlichen Ermittlungen decken sich mit den Erkenntnissen führender gesellschaftlicher Organisationen. Sogar zwischen CDU und CSU herrscht ungewohnte Einigkeit. Die Union-Post – Zeitschrift für die CSU hat herausgefunden, daß bei vielen Bürgern und Gruppen obengenannte Neigungen zugenommen und Anarchismus starke Belebung erfahren habe. CDU-Intern, die "offiziellen Mitteilungen des Kreisverbandes Esslingen" ergänzen in wörtlicher Ubereinstimmung mit den Parteifeinden von der CSU: "Zeitgenössische Schriftsteller haben den Boden bereitet für Anarchismus und Gewalt. Den von Anarchisten der Feder und Revolutionären der Mattscheibe vorgezeichneten Weg haben die Revolutionäre der Straße weiter beschritten." Sogar über das Ergebnis dieser Bodenbearbeitung sind sich CDU und CSU einig: "Die steigende Flut hat zahlreiche Menschen in den Strudel von Anarchismus, Gewalt und Terrorismus hineingerissen."

Der Landesverband der Baden-Württembergischen Industrie e.V. begnügt sich mit der sachlichen Mitteilung: "’Zeitgenössische deutsche Schrifsteller als Wegbereiter für Anarchismus und Gewalt’ hat der Leiter der Presseabteilung unserer Mitgliedsfirma Richard Hirschmann, Dr. Lothar Ulsamer, sein Buch betitelt." Kurz, Ulsamer, seit 1976 Lehrbeauftragter der Fachhochschule der Polizei in Baden-Württemberg, Mitglied im CDU-Kreisverband Esslingen, seit 1981 Leiter der Stabsabteilung "Publizistik, Presse und Kultur" in der Antennenfirma Hirschmann, hat die alte Dissertation, für die ihm ein gnädiger Professor den Doktor-Titel vermittelte, hervorgeholt und Anfang letzten Jahres bei einem Kleinverlag (Deugro, Im Fritzen 16, Esslingen. 268 Seiten, 24 Mark) drucken lassen. Das wär’s.

Das wär’s gewesen, gäbe es in unserem Land nicht die bisher hochangesehene Bundeszentrale für politische Bildung, die formal dem Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann untersteht. Nachdem er mehrmals am Beamtenrecht gescheitert war mit dem Versuch, den sozialdemokratischen Direktor Franklin Schultheiß aus seinem Amt zu vertreiben, stieß sein Parteifreund, der Chef der bayrischen Staatskanzlei Edmund Stoiber nach. Mit Hilfe von zwei Mitarbeitern des Münchner Merkur ließ er eine Studienreise nach Israel auf die politische Zuverlässigkeit ihrer Teilnehmer ausspionieren. Der Schuß gegen den "berüchtigten Polit-Tourismus der Genossen" ging nach hinten los. Doch die Bundeszentrale ließ sich einschüchtern. Auf einer "Pilottagung" in Bielefeld zum vierzigsten Gründungsjahr der Bundesrepublik brachten ausgewählte Historiker, unter ihnen der langjährige Kanzlerberater Michael Stürmer, rund hundert Geschichtslehrern bei, was sie in die Schulen hinaustragen sollen. Historiker Werner Link nannte es eine "beachtenswerte Leistung", daß "die Nachrüstung durchgezogen" wurde und diffamierte die Friedensbewegung als eine "sogenannte". Zugleich erschien in der Liste der Bücher, die an Multiplikatoren wie Lehrer oder Journalisten abgegeben werden, Ulsamers Pamphlet unter den Schriften, die der politischen Bildung dienen sollen. In dieser Reihe gab es bisher alles: von Schriften der Konrad-Adenauer-Stiftung über Selbstdarstellung von Politikern wie Franz Josef Strauß, Alfred Dregger oder Hans Koschnick bis zu hochwissenschaftlichen Werken wie den Sammelband von Bracher/Funke/Jacobsen über die "Nationalsozialistische Diktatur 1933-1945".

So etwas aber, wie Ulsamers Traktat gegen die bundesdeutschen Schriftsteller gab es bisher nicht – die Bundeszentrale hatte 500 Exemplare aufgekauft und damit der Broschüre schon im Erscheinungsjahr zu einer zweiten Auflage verholfen.