Der Bauer aus Frunse in Kirgisien ist fast schon zu alt zum Reisen – und eigentlich viel zu alt, seine Heimat gegen ein neues Leben in einem fremden Land einzutauschen. Der kleine Mann mit dem spärlichen weißen Haar trägt sein Hemd im sowjetischen Proletarier-Stil: bis zum Hals hinauf zugeknöpft. Wenn er lächelt, entblößt er eine Reihe goldener Zähne, Markenzeichen sowjetischer Zahnärzte-Kunst. Kurz nach der Oktoberrevolution geboren, in Oranienburg am Ural aufgewachsen, 1941 nach Kasachstan deportiert, war er zuletzt in Kirgisien zu Hause, wohin er vor zehn Jahren zog – des Klimas wegen. Sein Name ist Johann Braun.

Obwohl seine Ankunft in der Bundesrepublik erst wenige Tage zurückliegt, hat er keinen Zweifel daran, daß er zum ersten Mal in seinem Leben daheim ist. „Wir wollten Deutsche bleiben wie unsere Vorfahren“, sagt er, während seine 50jährige Ehefrau, das Haar in ein geblümtes Kopftuch gehüllt, zustimmend nickt. Im Land seiner Geburt sei es keine große Ehre gewesen, Deutscher und zudem Baptist zu sein, sagt Braun. „Dort galten wir als schlechte Menschen.“

Braun, seine Frau und seine 30jährige Tochter befinden sich in Friedland, dem Grenzdurchgangslager in Niedersachsen, fünf Kilometer von der Grenze zur DDR entfernt. Ihre Geschichte spiegelt die Geschichte vieler tausend Sowjetdeutscher wider, die in den letzten Jahren dort ankamen. 14 488 waren es allein 1987; mehr als neunzehnmal so viele wie 1986, als nur 753 die Sowjetunion verlassen durften. Der Trend hält an: im Januar, Februar und März dieses Jahres wurden allein 6146 Aussiedler aus der Sowjetunion im Lager betreut.

Indem er das Tor gen Westen für immer mehr der rund 1,9 Millionen deutschstämmigen Sowjetbürger öffnete, gab Michail Gorbatschow den Westdeutschen Anlaß, über ihre Identität nachzudenken: Die Sowjetdeutschen, die größtenteils keinen Kontakt zum Dritten Reich hatten und von den psychologischen Folgen unberührt blieben, haben einen Nationalstolz bewahrt, der bei vielen in der Bundesrepublik verpönt ist. „Diese Heimkehrer erinnern uns Deutsche an eine Periode in unserer Geschichte, die wir lieber vergessen würden“, erklärte Matthias Marquardt, ehemaliger Lagerleiter von Friedland, einer britischen Journalistin.

Für die deutschstämmigen Sowjetbürger ist der Nationalstolz, oft gekoppelt mit tiefer Religiosität, die Grundlage einer Identität, die die meisten von ihnen in ihrer Rolle als Opfer entwickelten: Während des Ersten Weltkrieges waren die Rußlanddeutschen Repressionen wie Zwangsarbeit und Zwangsumsiedlung ausgesetzt, im Zweiten Weltkrieg wurden etwa eine Million in Viehwaggons nach Nordrußland, Mittelasien und Sibirien deportiert. Stalin fürchtete, sie könnten mit der deutschen Wehrmacht kollaborieren und verfrachtete sie nach Osten, bevor Hitlers Armee die Wolga erreichte.

Dabei waren die Beziehungen zu den russischen Machthabern anfangs noch ausgezeichnet. Die ersten Deutschen zogen vor mehr als 200 Jahren aus Baden-Württemberg ins russische Reich – auf Einladung von Katharina der Großen. Die Tochter eines preußischen Generals rief 1764 ihre Landsleute, um fruchtbares Land in der Ukraine zu bestellen, und versprach den Einwanderern, die zumeist Baptisten und Mennoniten waren, Religionsfreiheit sowie das Recht auf die Rückkehr nach Hause – wann immer sie wollten.

Nach der Oktoberrevolution 1917 gründeten die neuen Machthaber die Autonome Sowjetrepublik der Wolgadeutschen. Obwohl Kollektivisierung und Säuberungen auch hier viele Opfer forderten, wurden die von den Deutschen errichteten Kolchosen in der sowjetischen Presse als mustergültig gepriesen und ausländischen Journalisten als rühmliche Beispiele erfolgreicher Kollektivisierung vorgeführt. All das änderte sich mit der Invasion der Wehrmacht im Juni 1941. Die Deportationen gen Osten begannen. Nicht alle waren davon betroffen. Einige deutsche Distrikte am Schwarzen Meer wurden von den Nazis besetzt, die rund 350 000 Bewohner nach Polen umgesiedelt. Viele wurden beim Rückzug der Wehrmacht aus der Ukraine evakuiert – und später wiederum zurück in die Sowjetunion deportiert.