Es geht, wie so oft, ums Prinzip. Sonntagsarbeit ja oder nein, das ist die Frage, die der Stuttgarter Regierungspräsident Manfred Bulling jetzt eigentlich beantworten sollte. Als Chef der obersten Behörde der Gewerbeaufsicht war er angerufen, um im Streit um die Einführung der Sonntagsarbeit beim Computerkonzern IBM zu entscheiden. Doch Bulling zog sich fürs erste aus der Affäre und genehmigte für die Herstellung des Ein-Megabit-Chips einen Probelauf mit Sonntagsarbeit bis Ende September.

Die Firmenleitung soll bis dahin mit einer minutiösen Dokumentation beweisen, daß der Schrottanteil bei der hochkomplizierten Chipherstellung durch ununterbrochene Produktion an sieben Tagen der Woche deutlich reduziert werden kann. Bulling selbst hält eine geringere Ausschußrate für durchaus wahrscheinlich, räumt allerdings ein, daß das Ergebnis von Gegnern oder Befürwortern der Sonntagsarbeit innerhalb der Belegschaft positiv oder negativ beeinflußt werden könnte.

Da die IBM-Geschäftsleitung indes auf freiwillige Teilnahme der Mitarbeiter am Wochenenddienst setzt, kann sie sich des Erfolgs schon heute sicher sein. Die halbherzige Entscheidung des Regierungspräsidenten ist also im Grund nichts anderes als ein Aufschub bis zum Herbst.

Bis dahin werden sich mit Sicherheit weitere Unternehmen um die Genehmigung zum Dauerbetrieb ihrer teuren Anlagen bemühen. Experten, die solche Notwendigkeiten auch für andere Branchen belegen, sind nicht schwer zu finden. Die Textilindustrie zum Beispiel hat entsprechende Gutachten bereits präsentiert. Und mit welchen Argumenten will man ihr verwehren, was den Chipherstellern erlaubt wird?

Die Ausweitung der Wochenendarbeit scheint also nur noch eine Frage der Zeit zu sein. ms