Daß Wünschelruten ausschlagen, glauben inzwischen auch die harzigsten Skeptiker. Brunnenbohrer, Architekten und Baubiologen bemühen den Radiästheten – so heißt der Mann, der mit seiner Antenne die ganze Elektronik ins Abseits wünschelt. O.k. Daß aber jeder mit dem Ding herumspazieren und Wasser finden kann, soll mir erst einmal einer beibringen. Der Herr dort vorne neben dem Overheadprojektor beispielsweise. Klaus Brudny, Mitte 40, ein großer, schwerer Wiener mit müden Lidern über leicht vorstehenden blauen Augen, ist der Seminarleiter einer Veranstaltung, die sich euphemistisch „Urlaub mit der Wünschelrute“ nennt, denn das lange Wochenende im südlichen Bayerischen Wald ist nicht der Muße gewidmet, sondern einer zehrenden Safari durch die Randbezirke der Wissenschaft, an deren Ziel wir alle eine Urkunde erhalten, die uns bescheinigt, daß wir „mit Erfolg“ an ihr teilgenommen haben.

Radiästhesie, die Kunde von den allgegenwärtigen Schwingungen, ist kein Hokuspokus, eher eine Kunst, und Herr Brudny, der zu allerlei Scherz und Schmäh in seinen breiten Händen Pendel schwingen und Ruten auf- und niederschnellen läßt, ist kein Zaubermeister; der auffallende Indianerschmuck über dem roten Pullover, die rüstige Art, vom Einzelnen auf das Allgemeine zu schließen, und die monologischen Schweifzüge, auf denen er uns über das Wünschein hinaus mit Kultstätten, Musikmantras, Baumgeistern, Mumien, der Kraft der Edelsteine, den Klängen des Kosmos und noch viel mehr bekannt macht, lassen zunächst eher an einen Old Shatterhand der Grenzwissenschaften denken.

Im Seminarraum der Ferienhofpension Anetseder im Gemeinwesen Kellberg-Thyrnau, Ortsteil Raßbach bei Passau, hat Herr Brudny 25 Teilnehmer vor sich versammelt, vorwiegend Herren und – bis auf eine junge Ausreißerin – gesetzte Gestalten, graues Haar über Strickwesten, aber mit einer schier unstillbaren jugendlichen Wißbegierde, die sie bis in die Nachtstunden auf ihren Stühlen ausharren läßt.

Gewiß, die Materie ist nicht ganz einfach zu begreifen, denn kein Radiästhet kann genau erklären, was sich beim Rutengehen zwischen dem Energieträger Mensch und dem Energiepotential unter seinen Füßen abspielt, nicht einmal, in welchem Frequenzbereich er sich bewegt. Gesichert ist offenbar nur, daß „durch Impulse des Unterbewußtseins an das motorische System Erregung desselben und Auslösung einer Bewegung (erfolgen), die auf einen Indikator (Wünschelrute oder Pendel) übertragen werden, der sich nun seinerseits bewegt“. (Brudny). Und da wir alle wandelnde Energiefelder sind, selbst diejenigen, die stur wie Panzer durchs Leben pflügen, müßte sich der Indikator auch in jedermanns Händen rühren.

Gesichert scheint ebenfalls – und geschädigte Seminarteilnehmer bestätigen es –, daß Wasseradern das Wohlgefühl zu stören imstande sind. Wer ständig auf der Strömung schläft, kann sich allerhand Malaisen zuziehen, vom Kopfschmerz bis zum Karzinom. Die wenigsten wollen denn auch mit Hilfe der Rute einen Brunnen im Vorgarten graben, als den optimalen Standort fürs Bett finden – und müßte es quer vor die Schlafzimmertür gestellt werden. Herr Brudny warnt vor übertriebenem Eifer: Seien Sie offen, seien Sie unvoreingenommen, programmieren Sie sich nicht selbst. Die Rute schlägt auch bei eingebildeten Wasseradern aus. „Jessas na, da könnt’ was sein – is schon da.“

Wir beginnen die praktischen Aufgaben mit dem kleineren Instrument, einem Messingpendel, das wir kraft unserer Gedanken über einem mit Strichen und Kreisen markierten Blatt Papier schwingend in die gewünschte Richtung lenken sollen. Bei meinen Nachbarn klappt die Übung hervorragend: Hin und her tickt das Pendel, dreht beschwingte Runden, während das meine, trotz gütigen Zuredens – rechts rum, los, mach schon – nur matt herunterbaumelt.

Herr Brudny massiert meine verkrampften Hände, führt auch meine Rechte, so daß überraschend Leben in das schlappe Pendel fährt (nun ja, kein Wunder), und glättet mit raschen Streichbewegungen die Aura um meinen Körper – ein Vorgehen, das alle Schlupflöcher für andrängende widrige Energien schließen soll. Es hilft nichts, außer einem vagen Gebammel ist von meinem Gerät nichts zu erzwingen. Der Seminarleiter deduziert einen unbekannten Störfaktor, und ich vermute, daß er von meiner Seite rührt.