Von Roger de Weck

Wer zu den 14 000 Mitarbeitern des französischen Konzerns Telemecanique zählt, darf sich glücklich schätzen. Die Firma ist überaus erfolgreich, die Arbeitsbedingungen gelten als ideal, der Lohn und die zwischenmenschlichen Beziehungen stimmen. Gleichwohl ging kürzlich die Belegschaft empört auf die Straße und marschierte zum Palais Brongniart, dem Sitz der Pariser Börse. „Menschen dürfen nicht wie Maschinen verkauft werden“, hieß es auf einem der Transparente, das die Demonstranten mitführten.

Wie ein Mann wehren sich alle, vom Spitzenmanager bis zum Handlanger, gegen eine Übernahme von Telemecanique durch eine viel mächtigere Gruppe: Schneider S.A. Es wird nicht nur demonstriert, sondern auch „auf japanisch“ gestreikt: Das heißt, daß das Personal zwar arbeitet, aber während der Arbeitszeit Protestabzeichen gegen Schneider S.A. trägt.

Es ist immer spannend zuzuschauen, wie sich David gegen Goliath behauptet. Deshalb sorgt in Frankreich der Fall Telemecanique gegen Schneider für großes Aufsehen. In dieser Abwehrschlacht kämpfen neben dem Management auch die Mitarbeiter solidarisch an vorderster Front. Es prallen zwei grundverschiedene Denkarten aufeinander, zwei Welten:

  • Auf der einen Seite das ausgedehnte, im Maschinenbau und in der Elektrotechnik überaus diversifizierte Wirtschaftsimperium Schneider S.A., das auf die gleichnamigen Stahlbarone zurückgeht. Der an und für sich fähige President-Directeur General Didier Pineau-Valencienne ist berüchtigt für seine Gefühllosigkeit und Arroganz der Macht. Schneider erscheint gleichsam als der Inbegriff eines autokratischen und nicht sonderlich dynamischen Kapitalismus à la française.
  • Auf der anderen Seite der tüchtige Telemecanique-Konzern: Er ist auf die Automatisierung und Roboterisierung von Produktions- und Dienstleistungsbetrieben spezialisiert; zu den deutschen Kunden zählen etwa Volkswagen oder Bayer. Telemecanique ist vor allem aber für französische Verhältnisse ein ungewöhnlich aufgeschlossener Arbeitgeber. Der Belegschaft in den 28 über ganz Frankreich verteilten Werken fällt es nicht schwer, sich mit der Firma zu identifizieren.

In diesem Unternehmen herrscht eine partnerschaftliche Atmosphäre. Anders als in so vielen französischen Industrien werden die Interessenkonflikte nicht klassenkämpferisch ausgetragen. Das Einvernehmen zwischen Management und Personal ist so gut, daß die traditionellen Gewerkschaften bei Telemecanique nie Fuß gefaßt haben. Ohnehin halten die Mitarbeiter rund fünfzehn Prozent des Aktienkapitals. Nun müssen sie damit rechnen, daß der herrische Newcomer Didier Pineau-Valencienne – kurz DVP genannt und wie JR aus der Dallas-Fernsehserie gefürchtet – die über Jahrzehnte gewachsene Unternehmenskultur der Harmonie, der Rücksichtnahme und des Gleichgewichts zerstören würde. Seit der Firmengründung 1924 ist stets alles Wichtige geradewegs mit den Betroffenen, mit der Belegschaft abgesprochen worden, darauf beruht der Erfolg von Telemecanique. Und da will plötzlich DPV mit seiner prallvollen Schatulle „die Menschen und die Maschinen“ kaufen...

Zu den Télémécanique-Demonstranten, die in Sprechchören den verhaßten DPV verhöhnten, gesellten sich auch etliche Mitarbeiter anderer Firmen, die ebenfalls um ihre Eigenständigkeit und gegen Übernahmeangebote ( Offres publiques d’achat) kämpfen. Die Protestler haben die Sympathie der Öffentlichkeit. Denn die „schweigende Mehrheit“ beobachtet voller Mißtrauen die vielen Übernahmeschlachten, die derzeit an der Pariser Börse stattfinden. Die meisten Franzosen haben keine kapitalistische Auffassung von „Eigentum“; groß ist in der Regel die Anhänglichkeit des Eigentümers an sein Eigentum. Zum Beispiel besitzen noch unzählige Städter, von ihren Eltern und Großeltern her, ein Häuschen auf dem Lande. Auch mit der Bäckerei um die Ecke verhält es sich meistens so, daß schon der Urgroßvater die Baguettes in den Backofen schob. Oft herrscht bis heute ein dynastischer und im edlen Sinn mittelalterlicher Eigentumsbegriff vor: Was man hat, versilbert man nicht, denn es ist die Verkörperung der Familientradition und letztlich kein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit.