Von Robert Leicht

Cambridge, im April

Das Grußwort – sonst oft genug von ritueller Belanglosigkeit – hatte es diesmal in sich. In seiner zu Beginn verlesenen Adresse an die Teilnehmer der 38. Königswinter-Konferenz machte Bundespräsident Richard von Weizsäcker den englischen Gastgebern zunächst gehörige Komplimente. Ein nüchterner Skeptizismus gegenüber Dogmen, Ideologien und Abstraktionen bewahre die britischen Freunde davor, ihre Energien im Theorienstreit zu verschwenden, (Dies ergänze mitunter günstig die deutsche Vorliebe fürs Prinzipielle.) Aber dann kam der Widerhaken: Gegenwärtig sei schwerer als sonst zu entscheiden, welches der beiden Länder mehr von Prinzipien gefesselt, welches pragmatischer sei.

In der Tat, welchen Gegenständen auch immer der deutsch-englische Dialog sich zuwendet: Die englische Politik wirkt unter Margaret Thatchers Stabführung derzeit „fundamentalistischer“, unflexibler als die deutsche unter der Kanzlerschaft Helmut Kohls. Oder ist, aus englischer Sicht, die Bonner Politik nur unentschlossen, schwammig bis schweifend – pragmatisch also aus einem Defizit, nicht etwa aus einem Überschuß an Realismus? Vielleicht war also Weizsäckers Wink an die Politiker, Wissenschaftler, Wirtschaftler, Gewerkschafter und Journalisten im St. Catherine’s College zu Cambridge mehr als nur eine ironische Bemerkung über die Briten und den Thatcherismus, sondern schlicht ganz wörtlich zu nehmen: Es ist eben derzeit wirklich schwierig zu bestimmen, was Realismus und was Prinzipienreiterei ist.

Allerdings hielt sich der Unterschied der Mentalitäten bei den Gesprächen in Cambridge nicht an nationale Grenzen. Wie immer bei den Königswinter-Konferenzen wurden die Gespräche am interessantesten dort, wo die Meinungen sich kreuz und quer überlagerten. Was zum Beispiel die Ansichten über Gorbatschow betrifft, neigen die Engländer eher zu einer betont nüchternen Einschätzung, warnen sie vor einer gorbapboria, was aber Frau Thatcher nicht von Bekenntnissen darüber abhält, welche nützlichen Geschäfte sie mit dem neuen Kremlchef machen könne.

Was nun aber den heraufziehenden Streit über die Modernisierung der verbleibenden Nuklearwaffen kurzer Reichweite angeht, waren sich die Deutschen uneins genug, und zwar schon in ihrem konservativen Lager: Da mußten sich die Vertreter der „pragmatischen“ Bonner Regierungslinie von Publizisten aus Frankfurt vorhalten lassen, sie stellten ihre Sicherheitspolitik in sträflicher Weise unter den Vorbehalt der Akzeptanz, der Zustimmung der Bürger. Die Briten werden’s mit Verwunderung vernommen haben – wie denn auch der fast etwas verlegene Versuch eines Bonner Staatssekretärs, britische Irritationen über die neue Sicherheitspartnerschaft zwischen Bonn und Paris zu zerstreuen, eher noch weitere schlafende Hunde geweckt hat.

Auch die Diskussionen über den für 1992 geplanten gemeinsamen europäischen Binnenmarkt bewegten sich zwischen Hoffnungen und Irritationen. Die Zweifel, ob die langfristig zu erwartenden Vorteile aktuelle Unsicherheiten wettmachen, wurden vor allem durch die Einsicht verdrängt, daß die EG schon wegen des Drucks von außen gar nicht anders könne, als zu einem einheitlichen Markt zu werden. Aber wie – und mit welchen Institutionen? Sollen Mehrwert- und Verbrauchssteuern zuvor in den Partnerstaaten nivelliert werden, oder wird das Fallen der Grenzen schon von selbst die Harmonisierung nach sich ziehen? Wer sich in den Diskussionen all die kleinen und großen Hindernisse notierte, konnte wohl nur noch auf eine „Revolution von oben“ hoffen: Reißt die Barrieren, so oder so, nieder – und überlaßt den Rest dem Spiel der Kräfte! Aber da meldete sich ein Diskutant und bat unter Beifall und Gelächter ganz schlicht – um einen einheitlichen europäischen Elektrostecker.