Von Rüdiger Safranski

Eine Philosophie, hatte er einmal gesagt, „in der man zwischen den Seiten nicht die Tränen, das Heulen und Zähneklappern und das furchtbare Getöse des gegenseitigen Mordens hört, ist keine Philosophie“. Das jammervolle Grundrauschen der Geschichte, aus Schopenhauers Philsophie können wir es heraushören; eine Philosophie, die nicht die Vernunft, sondern einen blinden, zerstörerischen Willen im Herzen der Welt und im Menschen wirken sieht. Bei Schopenhauer ließe sich lernen, daß nicht eine Kritik der Vernunft, sondern eine Kritik des Willens an den Ursprung des katastrophischen Zustandes unserer Zivilisation herankommt. Sogar die zynische Vernunft wird immer noch von der Destruktionskraft des Willens überboten.

Allerdings muß Schopenhauers Absage an den Gedanken des vernünftigen oder gefühligen Fortschritts in der Geschichte durchaus nicht in jenen modischen, schon fast phantastischen Pessimismus führen, der nichts anderes ist als eine masochistische Art, auf jeden Fall Recht behalten zu wollen. Schopenhauer selbst war nicht angewiesen auf die intellektuellen Prämien gnadenloser Illusionslosigkeit. Vom Jahrmarkt der Eitelkeiten hielt er sich fern. In Schopenhauers Philosophie zeigt sich eine Paradoxie: diese Philosophie blickt in die dunklen Abgründe des Lebens, in die Tumulte der Verfeindungen – aber der Blick bleibt ruhig, gelassen, manchmal fast heiter. Man muß schwindelfrei sein, wenn man solche Blicke in den Abgrund riskiert. Die Ruhe kommt aus der Kontemplation, die nicht nur eine indische, sondern auch eine alte abendländische Kunst ist.

Auf dem Buchmarkt ist Schopenhauer gut vertreten. Es gibt zwei Taschenbuchkassetten: bei Diogenes und, bei Suhrkamp, die alte Löhneysen-Ausgabe; die Hübscher-Edition bei Brockhaus ist in einer verbilligten Reprintausgabe zu haben. Nun bringt der Haffmans Verlag eine von Ludger Lütkehaus edierte Werkausgabe Schopenhauers auf den Markt.

Bei dieser Edition handelt der Philologe als Philosoph: Ihr Verdienst besteht darin, daß sie bestimmte herausgeberische Bearbeitungen unterläßt. Insofern kommt der Geist, mit dem hier zu Werke gegangen wird, aus dem Herzen der Schopenhauerschen Philosophie, die auch und vor allem eine Philosophie des Unterlassens, der Handlungshemmung ist – allen gängigen Vereinnahmungen der Schopenhauerschen Philosophie als Apokalypsepredigt zum Trotz.

Schopenhauers letzter editorischer Wille ist uns – wie sollte es bei diesem Philosophen anders sein – in Form eines Fluchs überliefert: „Erfüllt mit Indignation über die schändliche Verstümmelung der deutschen Sprache.. .sehe ich mich zu folgender Erklärung genöthigt: Meinen Fluch über Jeden, der, bei künftigen Drucken meiner Werke, irgend etwas daran wissentlich ändert, sei es eine Periode, oder auch nur ein Wort, eine Silbe, ein Buchstabe, ein Interpunktionszeichen.“ Kein Herausgeber bisher hat sich an diesen letzten Willen gehalten. Alle wollten sie Bearbeiter sein, von Frauenstädt über Grisebach, Deussen, Hübscher bis zu Löhneysen.

Es läßt sich darüber streiten, ob Eingriffe in die Interpunktion oder die Schreibweise die Authentizität des Textes wirklich beeinträchtigen. Immerhin aber macht es einen Unterschied, ob „Die Welt als Wille und Vorstellung“, erster Band, mit dem großgeschriebenen und deshalb substantivierten „Nichts“ – wie bei Schopenhauer – oder mit dem adverbialen, kleingeschriebenen „nichts“ – wie bei Löhneysen – endet. Auch die alte Schreibweise „Säligkeit“ läßt die falsche Assoziation „Seele“, die bei der Löhneysenschen Schreibweise „Seligkeit“ sich einzustellen pflegt, erst gar nicht aufkommen. Die „Seele“ aber wollte Schopenhauer ausdrücklich von der „Säligkeit“ entfernt halten. Gleichwohl, diese Eingriffe sind harmlos, vergleicht man sie mit den Textveränderungen, die sich ergeben, wenn man Schopenhauers handschriftliche Zusätze in den Text aufnimmt.