Von Kerstin Schweighöfer

Es sind die Tage des Skiweltcup-Finales 1988 in Saalbach. Der kleine Ort im Salzburger Land droht, aus den Nähten zu platzen. Im Gewühl der von Touristen bevölkerten Straßen drücken die Service-Männer der diversen Skifirmen in ihren mit Werbung buntbeklebten Autos ungeduldig auf die Hupe.

Im Hotel Unterwirth herrscht angenehme Ruhe. Ein paar Gäste tuscheln an der Hotelbar. Sie haben am Tisch in der Ecke den Mann im gelbblauen Trainingsanzug entdeckt. Zweifelsohne – er ist es: der Altmeister, der Veteran, die Legende auf Skiern, wie es nun, halb respektvoll, halb spöttisch, in der Zeitung immer wieder heißt, weil er immer noch mitfährt, obwohl seine große Zeit vorbei ist.

„Skifahren“, sagt Ingemar Stenmark gerade, ohne sich durch die Blicke von der Bar irritieren zu lassen, „Skifahren – das ist nur Sport.“

Ein solcher Satz aus dem Munde eines Mannes wie Ingemar Stenmark, des erfolgreichsten Läufers in der Geschichte des Ski-Weltcups, klingt ein bißchen überraschend. Schließlich gilt der alte Schwede immer noch als Inbegriff des asketischen Leistungssportlers, dessen Wortkargheit im übrigen sprichwörtlich geworden ist. In seiner Glanzzeit hat er die Konkurrenz serienweise deklassiert. Zwei Goldmedaillen, fünf Weltmeistertitel, drei Gesamtweltcupsiege und über 85 Einzelsiege in Slalom und Riesenslalom hat der mittlerweile 32jährige in den 15 Jahren seiner Laufbahn an sich gebracht. Da ist die Frage naheliegend: Ist Skifahren für einen solchen Mann nicht mehr als Sport? Ist es nicht sein Leben?

„Skifahren war mein Leben“, korrigiert Ingemar Stenmark mit Nachdruck. Die ersten Fans haben sich von der Bar weg an den Tisch getraut. Nachdem er ihre Autogrammwünsche erfüllt hat, fügt er augenzwinkernd an: „So seriös wie früher bin ich nicht mehr.“

„Früher“ bedeutete ihm Skifahren selbstverständlich fast alles. Schon für den achtjährigen Ingemar war es eine ausgemachte Sache: „Wir mußten in der Schule einen Aufsatz darüber schreiben, was wir werden wollten. Ich habe geschrieben: ich will Skifahrer werden“, erzählt er in durch den schwedischen Akzent melodisch eingefärbtem Deutsch. „Meine Lehrerin hat gesagt, das kannst du nicht werden, damit kann man kein Geld verdienen. Das ist kein Problem, habe ich ihr geantwortet.“