Berlin, 10. Mai 1932. Ein Dienstag. Noch ein gutes halbes Jahr Galgenfrist für die erste deutsche Republik. Es ist sonnig und klar. In Berlin Tegel, im Norden der Stadt, versammelt sich eine Gruppe von Menschen. Trotz Versammlungsverbots kommt man noch einmal zusammen. Mit konspirativer Hilfe des preußischen Polizei-Vizepräsidenten Bernhard Weiß, selbst Zielscheibe nazistischer Verunglimpfung, gelingt es, eine Sondererlaubnis für neunzig Minuten zu erhalten. Über einhundert Freunde, Kollegen, Sympathisanten stehen vor den Toren der Haftanstalt beieinander, darunter Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Bruno Frei, Kurt Grossmann, Hermann Kesten, Wolfgang Koeppen, Erich Mühsam, Rudolf Olden, Ernst Toller, Herwarth Walden, Arnold Zweig.

Gegen 12.30 Uhr trifft er ein: Carl von Ossietzky, seit 1927 Leiter der radikaldemokratischen Wochenzeitschrift Die Weltbühne. Vor einem halben Jahr, am 23. November 1931, war er vom Reichsgericht in Leipzig zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden; Haftentlassung sollte am 10. November 1933 sein.

Begründet wurde die Strafe mit: „Landesverrat“. Ein Vorwurf, der später von den Nazis liebend gern als Begründung für ihre „Schutzhaft“ herangezogen wurde. Ein Vorwurf auch, der noch heute an Ossietzky haftet. Vorbestraft! Landesverräter! Vaterlandslose Gesellen! – ein Schimpf, mit dem noch immer gern Politik betrieben wird.

Am 12. März 1929 war in der Weltbühne ein Artikel von Walter Kreiser veröffentlicht worden: „Windiges aus der deutschen Luftfahrt“. Kreiser hatte sich einmal die Mühe gemacht, aus öffentlich zugänglichem Material – wie Reichstagsprotokollen – Daten, Zahlen und Fakten zusammenzuklauben und diese in einen Zusammenhang zu bringen. Die Luftfahrtabteilung des Reichsverkehrsministeriums manipulierte fleißig an ihrer Statistik: Illegale Aufrüstung konnte die messerscharfe Schlußfolgerung nur lauten.

Reichswehrminister Groener erhob Anklage. Dahinter stand als (bis dahin) nicht getilgte Schmach der Versailles Friedensvertrag, von reaktionären Köpfen als „Schandfrieden“ gegeißelt und nie akzeptiert. Deutschland wollte wieder gleichwertig werden. Wiederaufrüstung wurde verlangt. Und ging das nicht legal...

Über zwei Jahre zog sich das Verfahren gegen Kreiser, den Verfasser, und Ossietzky, den verantwortlichen Redakteur, hin. Während der gesamten Zeit durfte über das schwebende Verfahren nicht berichtet werden: Landesverratsprozesse unterlagen der Schweigepflicht. Zum Wohle des Vaterlandes.

Am 17. und 19. November 1931 finden die Verhandlungen vor dem Leipziger Reichsgericht statt. Am 18. November schreibt Ossietzky an seine Frau: „Wie die Sache steht, weiß ich nicht. Das kann niemand beurteilen. Nur eines weiß ich: wäre gestern öffentlich verhandelt worden, so hätten wir gesiegt.“ Am 23. November erfolgt die Urteilsverkündung, die Begründungen sind fadenscheinig.