ARD, Filme von Willi Forst. „Bei Ami“ (1939), 8. April, 23.30 Uhr; „Wiener Mädeln“ (1945), 15. April, 20.15 Uhr; „Wien, du Stadt meiner Träume“ (1957), 17. April, 15 Uhr; „Frauen sind keine Engel“ (1943), 29. April, 23.45 Uhr; „Wiener Blut“ (1942), 8. Mai, 14.40 Uhr; „Maskerade“ (1934), J. Juni, 15.05 Uhr; „Burgtheater“ (1936), 17. Juli, 14.50 Uhr.

In Wien geboren, in Wien gestorben, sein ganzes Leben lang Wien verfilmt: solche Regisseure gab es selten. Willi Forst (1903-1980) nahm den blauen Mythos jener Stadt in Dienst, ohne ihn bloß zu bedienen. In seinen Filmen müssen die Leute einfach Walzer tanzen, wo sie auch gelassen schlendern könnten. Sie dürfen aber nicht. Denn die Firma Forst-Film entdeckte den innersten Bezirk der Stadt, den Höllenkreis des Walzers. Vom Hofball zum Prater, von der Schwanengondel zum Séparée drehen sich die verkuppelten Paare im unerbittlichen Tanzmarathon. Da ist nichts mehr von der „weichen Anmut alter Lanner-Walzer“, die von Hofmannsthal beschworen wurde. In der Forst-Filmproduktion, verliehen von der Wien-Film, herrscht eine dröhnende Endlos-Walze.

Man betonte bisher das maßgeschneidert Liebenswürdige an Forst, so, als habe er sich in der deutschen Filmgeschichte ein Bürgerrecht auf Sympathie erworben. War das nicht eher eine Blendung derer, die sich gern zur Harmlosigkeit verführt glaubten, die böse endete? War es nicht vielmehr so, daß Forst aus jedem verschenkten Herzen eine Mördergrube machte? Seine helle, ironisch biegsame Stimme schweifte immer in Richtung Abgrund aus. Die bodenlosen Frechheiten äußerte dieser Schauspieler mit einem süß erstarrten Gesicht, geradewegs so, als habe er es beim Hofbäcker Demel glasieren lassen. So schenkte man ihm leichter Glauben, mit dem er, ob als Leutnant, oder als Komponist oder als aufgestiegener Minister Schindluder trieb.

Mimisch war Forst ein Meister der sachlichen Untertreibung. Bei Lubitsch hätte er sich großartig entfalten können, dessen unvergessene Lektion der Doppelbödigkeit er in seinen eigenen Filmen wachhielt, dann allerdings in der Nachkriegsproduktion auch erstarren ließ. In „Maskerade“ (1934) ist Wien eine Art Erregungszustand. In „Wien, du Stadt meiner Träume“ (1957) ist der Traum zum touristischen Abziehbild verkommen. Die Kamerafahrten von Franz Planer in „Maskerade“ üben zerstreute Aufmerksamkeit ein, Adolf Wohlbrück spielt den überreizten Dandy kalt, und Paula Wessely entäußert sich ihrer Hysterie leise, fast abwesend. Hier glückte Forst ein Melodram, das Gefühle nicht zu Arien vergrößert, sondern ihnen bloß einen gehörigen Raum verschafft.

Als der Regisseur versuchte, in den fünfziger Jahren die Postkartentopographie Wiens abzugrasen, mußte er enttäuscht von seiner einstigen Betörungskraft entdecken, daß auf seinen Bildern nurmehr ein heftiges Rot von Agfacolor Platz fand. „Wiener Mädeln“, 1944 im besetzten Prag gedreht, erst 1949 als sogenannter „Überläufer“ in die Kinos gelangt, ist ein Film, in dem die Farben den Krieg der Gefühle ausfechten müssen: Österreichische Uniformen in Schwarz stechen bei einem Walzerkrieg der Musikanten gegen den blanken Himmel eben besser ab als weiße Paradefetzen der swingenden Amerikaner, die klein beigeben und in die Versöhnungsmelodie des Walzerkomponisten aus Wien einfallen.

Forst war in jeder Rolle der Mann, der Indifferenz gegen seine Buhlerei um Liebe nicht ertragen konnte. Der Gunst der Gleichgültigen mußte er sich aufdrängen. In „Wiener Mädeln“ springt er ein als Dirigent. Das Orchester spielt zu seiner Mißachtung ziemlich falsch. Kaum liegen seine Noten auf dem Pult, fressen die Geiger den musikalischen Zucker vom Blatt und skandiert der ganze Saal: „Bra/vis/si/mo!“ Forst zieht seinen Hut vom Kopf und einen neuen Walzer aus der Tasche. So unerträglich scheint die Wirklichkeit seines Filmtraums zu sein, daß sie zwanghaft der Verwandlung zum Dreivierteltakt bedarf.

In diesem Film, der jeder Zoll ein Überläufer ist, mußte Forst seinem Helden vom Jüngling zum reifen Helden nachaltern. Da sieht er mit seinen Stirnfalten und den Dauerlocken erschreckend aus, wie der alternde Chaplin als „König in New York“, dessen Träume von einer tanzenden Welt längst versteinerten.