Von Christian Schmidt-Häuer

Zum erstenmal übertrug das sowjetische Fernsehen am Wochenende die russische Ostermesse. Fast gleichzeitig predigte Michail Gorbatschow über den Bildschirm gegen jene orthodoxen Kommunisten, die den Tempel seiner perestrojka entweihen. Ein "wirklicher Kampf" sei entbrannt mit all denen, die ihre Kolchose, ihr Dorf, ihren Distrikt als Lehngut betrachteten.

Das Donnergrollen ließ manchen im Westen schon an Gorbatschows Ende glauben. Doch der ganzseitige Prawda-Artikel, den der Parteichef und sein engster Verbündeter, Alexander Jakowlew, als bisher schärfste offizielle Verdammung Stalins auf- und durchsetzten, klingt nicht nach einer Götterdämmerung im Kreml.

Die Prawda verurteilte das umfangreiche Plädoyer einer Leserin für Stalin und den Führermythos, das die Zeitung Sowjetskaja rossija abgedruckt hatte. In diesem konservativen Konvolut wurde Gorbatschows Vergangenheitsbewältigung als Verrat an den Prinzipien der Heimat gegeißelt: "Gerade die Anhänger des ‚linksliberalen Sozialismus‘ wollen uns einreden, daß in der Vergangenheit unseres Landes nur Fehler und Verbrechen die Realität bilden." Dieser Beitrag, so die Zurechtweisung in der Prawda‚ schände die Erinnerung an unschuldige Opfer und versuche, Parteibeschlüsse zu revidieren.

Zwar ist selbst dieses Verdikt des in der Medienschlacht politisch schwankenden Parteiorgans längst kein abschließendes Machtwort mehr. Doch die beispiellose Verdammung des Leserbriefs von Nina Andrejewna hat jene höheren Chargen zunächst einmal diskreditiert und in die Defensive gedrängt, die der Chemikerin aus Leningrad die Feder führten.

Richtig ist: Moskau schwirrt von offenen Kampfansagen. Die Fronten durchziehen fast alle Redaktionen. Die Anweisungen von den Kommandohöhen widersprechen einander, sie werden dank glasnost nur noch bedingt befolgt. Im Vorfeld der 19. Parteikonferenz Ende Juni, die nach Gorbatschows Wunsch die kommunistische Demokratie und die demokratischen Kommunisten im Zentralkomitee und Parteiapparat wundersam vermehren soll, versuchen die gegnerischen Flügel ihr Terrain zu sichern.

Doch all das ist nicht in der vergangenen Woche über einen wankenden Gorbatschow hereingebrochen. Schon vor Jahresfrist forderten konservative Schriftsteller wie Jurij Bondarjew mit aller Lautstärke ein "zweites Stalingrad", um die russische Literatur von der "alles zersetzenden Kritik" der Reformer zu retten. Leserbriefschreiber mahnen und drohen längst zu Tausenden. Die einen fürchten Stalins "Fleischwolf der Rache", die anderen warnen "vorm Herumstochern in schwarzen Gruben, was nur den Glauben an die Partei gefährdet". Auf "Panik und Verwirrung der Gemüter" hat Gorbatschow nicht erst in der letzten Woche Willy Brandt hingewiesen, sondern bereits im September die Menschen von Murmansk. Und zu Beginn dieses Jahres schon prophezeite der Generalsekretär den Medienvertretern: "Wenn wir jetzt eine fürwahr revolutionäre Politik verwirklichen, so heißt dies auch, daß ein Kampf unausbleiblich ist. So war es zur Zeit aller Revolutionen, so wird es auch diesmal sein."