Die Beweise für einen Ozonabbau durch Treibgase sind dürftig

Von Hans Schuh

Die schützende Ozonschicht in der oberen Erdatmosphäre nehme weltweit ab, und der Verdacht erhärte sich, daß Treibgase aus industrieller Produktion den Abbau wesentlich beschleunigten. Dies ist der Tenor eines Berichtes, den der "Ozon-Trend Ausschuß" (OTA) im vergangenen Monat in Washington veröffentlicht hat. Dem Ausschuß gehören über hundert Wissenschaftler an. Sie sollten im Auftrag der US-Luft- und Raumfahrtbehörde NASA, der Welt-Meteorologie-Organisation WMO und des Umweltprogrammes der Vereinten Nationen UNEP die bisher vorliegenden und sich teilweise widersprechenden Daten über den Ozongehalt der oberen Atmosphäre kritisch sichten und neu bewerten.

Der Bericht des OTA hat in der Fachwelt viel Staub aufgewirbelt. Er besagt im wesentlichen, daß der Ozongehalt der Stratosphäre im Zeitraum von 1979 bis 1986 weltweit abgenommen hat, und zwar um zwei bis drei Prozent in jenen Breitengraden, in denen die USA, Kanada, Europa oder die Sowjetunion liegen. Im höheren Norden, etwa in Alaska, Grönland oder Nordskandinavien habe die Abnahme zur Frühlingszeit sogar fünf Prozent und mehr betragen. In Presseberichten wurde bereits vom neu entdeckten Ozonloch über dem Nordpol geschrieben und vorgerechnet, daß die Zahl der Hautkrebs-Erkrankungen künftig um zehn und mehr Prozent zunehmen werde. Sogar die Firma DuPont, weltweit größte Produzentin von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW), zeigte Wirkung und kündigte an, sie wolle die Produktion der inkriminierten Treibgase langfristig einstellen. Ein konkretes Datum nannte sie allerdings nicht.

So dramatisch wie der Ozonabbau dargestellt wurde, ist er de facto jedoch nicht. Auf Anfrage der ZEIT bestätigte Mario Molina, einer der führenden Ozonforscher: "Es gibt ernst zu nehmende Indizien, daß auch auf der Nordhalbkugel eine ähnliche Chemie ablaufen könnte, wie wir sie in der Antarktis beobachten. Allerdings sind die Abnahmen im Ozongehalt hier wesentlich geringer als im Süden. Sind es am Nordpol maximal etwa fünf bis zehn Prozent, so haben wir am Südpol stellenweise weit über 50 Prozent beobachtet. Dies liegt an anderen klimatischen Bedingungen. Ob die Veränderungen auf der Nordhalbkugel durch menschliche oder natürliche Einflüsse zustande gekommen sind, das können erst genauere Messungen in den nächsten Jahren zeigen". Molina arbeitet am Jet Propulsion Laboratory der NASA und am California Institute of Technology und ist sicher kein Verharmloser. Er war es, der zusammen mit F.S. Rowland als erster vor rund 15 Jahren auf die Gefährdung der Ozonschicht durch die FCKW hingewiesen hat, und von ihm kamen wichtige Beiträge zur Klärung der Chemie, die in der Antarktis alljährlich zum Ozonloch führt (ZEIT Nr. 9/88, S.74, "Ätzende Eiskristalle").

Ungenaue Satellitendaten

Zwei wichtige Unsicherheitsfaktoren in der Beurteilung des "Ozon-Trends" sind die Auswirkungen der Sonnenstrahlung auf die Bildung von Ozon einerseits und die Ungenauigkeit der Messinstrumente bei der Bestimmung des Ozongehaltes in der Stratosphäre andererseits. Der Ozongehalt ist direkt abhängig von der Intensität extrem harten und energiereichen Ultraviolett-Lichtes der Sonne. Nimmt das UV-Licht zu, steigt die Ozonproduktion, sinkt sie, dann geht auch das Ozon zurück. Nun schwankt die Strahlungsintensität der Sonne in mehr oder weniger regelmäßigen Zyklen. Ein wichtiger ist der Sonnenflecken-Zyklus, der sich im Abstand von etwa elf Jahren wiederholt. 1979 durchlief die Sonnenaktivität ein Maximum, etwa 1985/86 ein Minimum. Das heißt: Eine deutliche Abnahme des Ozons für den von der OTA beobachteten Zeitraum war aus natürlichen Gründen zwangsläufig vorgegeben. Das Rätsel ist nur: Wie hoch lag der Beitrag der Sonne? Um es vorweg zu nehmen: Niemand weiß es genau.