In Israel geben die radikalen Rechten den Ton an

Von Henryk M. Broder

Jerusalem, im April

Wer aus erster Hand erleben möchte, wie eine Nation Schritt für Schritt einer Art Kollektivwahn verfällt, der kann derzeit in Israel anschauliche Fallstudien machen. Zum Beispiel: Freitagmittag in der Ben-Yehuda-Straße, der Flaniermeile im Herzen von Jerusalem. Kurz bevor der Schabbat über die Heilige Stadt fällt, lebt Jerusalem richtig auf. Die Cafés sind voll, Straßenhändler haben ihre Waren auf dem Pflaster ausgebreitet, Gaukler und Musikanten mühen sich um die Aufmerksamkeit der Passanten. Ein Bild der Normalität, als wäre man in Gummersbach oder in Heilbronn.

Da tritt ein älterer Mann auf mich zu, zeigt auf meinen Hund und sagt auf Englisch mit amerikanischem Akzent: „I love dogs“. – „So do I“, antworte ich, worauf der Mann, der zum Zeichen seiner Religiosität eine schwarze Kipa auf dem Kopf trägt, fortfährt: „Dieser Hund hat mehr Verstand als Schimon Peres, er würde nie jüdisches Land an die Araber zurückgeben.“ – „Wenn mein Hund Politik machen würde“, antworte ich in der leichtfertigen Annahme, der Mann habe einen Witz gemacht, „dann hätte er längst Frieden mit den Palästinensern geschlossen...“ Der Mann schaut mich an, als stünde Jassir Arafat persönlich vor ihm. Mit einem Schlag ist alle Freundlichkeit gewichen, er tritt einen Schritt zurück und schreit: „Du verdammter Hurensohn, Du willst unser Land den Arabern zurückgeben. Komm’ mit mir um die Ecke, ich werde Dir den Schädel spalten!“ Mit einem freundlichen „Schabbat schalom“ verabschiede ich mich und gehe weiter.

Samstagabend an derselben Stelle: Nach Schabbat-Ende kommt wieder Leben in die Stadt. Ein arabischer Straßenhändler schiebt seinen Karren durch die Menschenmenge in der Ben-Yehuda-Straße. Er eckt irgendwo an, und noch bevor er slach’li (Entschuldigung) sagen kann, will sich ein Israeli, laut fluchend, auf ihn stürzen. Der Araber schaut zu, daß er wegkommt. Der Israeli setzt ihm nach, wird nach zwanzig, dreißig Metern von einer Militärstreife, die gerade seinen Weg kreuzt, gestoppt und abgeführt. Sagt ein Passant, der die Szene beobachtet hat, zum andern: „Ein Jude und ein Araber schlagen sich, und das Militär nimmt den Juden fest. In was für einem Land leben wir eigentlich?“

Bei aller Skepsis gegenüber der Stimme des Volkes, dem sprichwörtlichen kleinen Mann auf der Straße, der nirgends in der Welt ein Sprachrohr des Anstands ist – Beobachtungen und Erfahrungen dieser Art können in Israel in diesen Tagen ständig gemacht werden, mit einer Häufigkeit und einer Intensität, die einem auch noch den letzten Trost rauben, es handele sich um Ausnahmen. Die Einzelfälle summieren sich bedrohlich, und die Ausnahmen, an die man glauben möchte, nehmen langsam aber sicher Regelcharakter an.