Wahrscheinlich waren die kleinen Häuser früher einmal ockerbraun. Im Laufe der Zeit ist der Anstrich aber zu einem schmutzigen Grau verblichen, das an einem Regentag wie diesem noch trauriger wirkt. Nicht einmal die roten Schieferdächer der Häuser und ihre grünen oder braunen Fensterläden vermögen dem Ort heute etwas Farbe zu geben.

Aber Brescello, die kleine Stadt in der Nähe von Parma, hat ja die Kirche Santa Maria Nascente, wo immer noch die Erinnerungen wach werden an einen hageren Pfarrer, der oben auf dem Campanile stand und mit einem breiten Grinsen die Glocken läutete. Unten versuchte währenddessen ein kommunistischer Bürgermeister grimmig, aber letztlich doch erfolglos, dagegen anzureden. Ich denke an die Sonntagnachmittage, an denen die Familie vor dem Fernseher saß und sich die Geschichten von Don Camillo und Peppone anschaute, die hier, in Brescello, gespielt haben. Wie schon als Kind fällt es mir auch jetzt schwer zu glauben, daß es den kampfeslustigen Pfarrer und seinen hitzigen Widersacher in Wirklichkeit nie gegeben hat.

Von auswärts kommen in jedem Jahr Hunderte von Besuchern nach Brescello, wo heute rund 5000 Menschen leben. Die Fremdenzimmer der beiden Herbergen stehen allerdings so gut wie immer leer, die meisten Besucher bleiben nur ein paar Stunden. Auf dem Weg nach Mailand oder nach Bologna machen sie einen kurzen Abstecher und besichtigen die vertrauten Kulissen. Kaum einer geht in das Gemeindemuseum, wo sich die Geschichte Brescellos anhand archäologischer Funde bis in römische Vorzeiten zurückverfolgen läßt. Kostbar gebundene Handschriften berichten von den Zerstörungen des Dorfes durch Überschwemmungen und die endlosen Fehden zwischen den machtvollen oberitalienischen Stadtstaaten im Spätmittelalter. Doch in alledem unterscheidet sich Brescello nicht sonderlich von anderen Dörfern der Umgebung. Ohne Don Camillo und Peppone nähme, das wissen die Leute von Brescello, niemand Notiz von ihrem Dorf.

Ein Geschäft wollen sie aus dem Filmruhm vergangener Tage jedoch nicht machen. Der kleine bebilderte Stadtführer vermerkt die Dreharbeiten mit zwei Sätzen; angesichts der langen Geschichte des Dorfes wären ausführliche Prahlereien auch eher unangemessen. Und was andernorts vielleicht längst geschehen wäre, nämlich der Bau eines Filmmuseums mit Souvenirs, auch darauf hat man in Brescello verzichtet. Das berühmte Holzkreuz, vor dem Fernandel mit dem Gekreuzigten sprach, befindet sich noch immer in der kleinen Seitenkapelle von Santa Maria Nascente. Zwei Stapel Postkarten mit Szenenphotos liegen davor. Sie kosten nichts, gebeten wird nur um eine kleine Spende für die Renovierung der Kirche.

Von der Haushälterin erfahren wir, daß Pfarrer Don Giuliano unterwegs ist zu einem Krankenbesuch. Wir läuten kurzentschlossen beim Küster. Er heißt Gianello Vittorio und lächelt, als wir ihn fragen. Ja, die Dreharbeiten habe er als kleiner Junge miterlebt. In seinem Wohnzimmer wurden vor 30 Jahren die Szenen von Don Camillos Hungerstreik gedreht. Der Filmpfarrer wollte damit in letzter Minute eine von den Kommunisten schon beschlossene Verbrüderung Brescellos mit einer Kolchose in der fernen Sowjetunion verhindern. In Wirklichkeit habe es eine solche Kraftprobe natürlich nie gegeben, sagt der Küster. Und er erzählt, daß die Gottesdienste wie eh und je gut besucht seien. Offenbar verträgt es sich in den „roten Dörfern“ der Poebene, Kommunist und gleichzeitig Christ zu sein. Viele, die sonntags Don Giulianos Predigt hören, gehen – wie zu vernehmen ist – anschließend zum Frühschoppen der Partito Communista Italiano.

Wenn der Küster aus seinem Fenster über den Kirchplatz schaut, dann kann er das Rathaus sehen. Hier, wo sich in Guareschis Erzählungen unablässig geschäftige Genossen mit wichtiger Miene die Klinke in die Hand gaben, arbeiten nur noch wenige Beamte. Signore Hermes Coffrini, der Bürgermeister, ist als kaufmännischer Angestellter in der Provinzhauptstadt Reggio Emilia beschäftigt. Wenn der 40jährige sich am freien Samstag seinem Amt widmen will, sind ihm die Hände gebunden, denn in nahezu allen Bereichen untersteht er dem Präfekten der Provinz. Abgesehen davon ist die kommunistische Mehrheit im Gemeinderat zusammengeschrumpft: Bei der letzten Wahl stimmte nur noch knapp die Hälfte der Dorfbewohner „rot“. Die wenigen Plakate, die auf einen regionalen Parteikongreß hinweisen, fallen beim Gang durch das Dorf kaum auf. Ebensowenig die eine rote Fahne, die vor dem Parteibüro hängt, das nach Enrico Berlinguer benannt ist.

Auch jetzt, am frühen Abend, sind nur wenige Menschen im Dorf unterwegs. Im kleinen Supermarkt werden die letzten Einkäufe für das Wochenende gemacht. Zwei Polizisten schlendern auf einem Routinegang am Rathaus vorbei, ruhige Tage in Brescello. Als wir auf das Ortsende zufahren, kommt uns der Pfarrer entgegen. Trotz des Regens ohne Schirm, die Schultern hochgezogen, strebt Don Giuliano seiner Kirche entgegen. Eine hagere Gestalt mit einer langen schwarzen Soutane und einem kleinen Häubchen auf dem Kopf...

Marco Finetti