Die Disziplinarkammer des Verwaltungsgerichtes Darmstadt lockerte dieser Tage in einem Verfahren (Aktenzeichen: DK 2160/87) gegen einen Gesamtschul-Konrektor aus dem südhessischen Dietzenbach die Grenzen „pädagogischer Freiheiten“. Und zwar nach rechts-außen. Der heute 51jährige – er ist auch schulpolitischer Sprecher der CDU im Offenbacher Kreistag – hatte Ende 1985 im Unterricht seiner 11. Klasse Schülerinnen und Schülern mehrfach unverblümt ins Gesicht gesagt, bei solchen miesen Mathenoten gehörten sie „standrechtlich erschossen“. Die Richter entdeckten darin keine „schuldhafte Pflichtverletzung“. Denn, so die Begründung der Juristen: „Dies würde eine den Lehrer und Pädagogen ungebührlich einengende, überzogene Grenze seiner pädagogischen Möglichkeiten darstellen.“ In der Hektik des Unterrichtsbetriebes mit 16- bis 18jährigen Schülerinnen und Schülern könne „nicht jedes Wort eines Lehrers“ auf die „Goldwaage“ gelegt werden. Einige der Schülerinnen und Schüler seien schon wiederholt wegen schwacher Leistungen im Fach Mathematik aufgefallen, ohne sich zu bessern. Das hohe Gericht wörtlich: „In solchen Situationen müssen einem Pädagogen gelegentlich auch deutliche, ja drastische Worte erlaubt sein.“

Die Richter geben in der Urteilsbegründung zu, daß der Ausdruck „standrechtlich erschossen“ nicht gerade„geschickt gewählt“ sein mag, seelische Schäden dürften die Schülerinnen und Schüler durch ihn jedoch nicht erleiden. Warum nicht? „Hierbei ist zu verweisen auf das, was an Gewaltgeschehen und Gewaltausdrücken diesen Schülerinnen und Schülern heute tagtäglich in Comics, Illustrierten, Film und Fernsehen (Video) zulässigerweise geboten wird“, heißt es da in dem Urteil des Gerichtes, das den Konrektor freispricht. Er war vom Darmstädter Regierungspräsidenten mit einer Geldbuße belegt worden.

Weniger Gnade hätte der stellvertretende Schulleiter vor diesem Gericht gefunden, darauf weist es in der Urteilsbegründung ausdrücklich hin, wenn der ihm von den Schülerinnen und Schülern ebenfalls angelastete Ausspruch „Sie gehören vergast“ ihm hätte nachgewiesen werden können. Denn, so die Juristen, „im Munde eines Lehrers und Pädagogen“ wäre eine solche Äußerung angesichts des nationalsozialistischen Hintergrundes „im höchsten Grade verwerflich“. Die Zeugenaussagen von sechs Schülerinnen und Schülern reichten dem Darmstädter Gericht jedoch nicht, um diesen angeblichen Ausspruch schlüssig zu beweisen.

Unstrittig ist jedoch der vom Pädagogen im Unterricht gern benutzte Vergleich zwischen Türken und Müllabfuhr. „Eine Abwertung dieser Volksgruppe“, so sprachen die Richter Recht, könne durch einen solchen Vergleich aber „nicht erblickt werden“. W. P.