Die Witwe, die 320 Millionen erbte / Der Dichter, der aus dem 11. Stock sprang / Der Prediger, der über ein Callgirl stolperte

Drei Schlagzeilen aus der „Bild“-Zeitung vom 11. April 1988, versammelt unter der Über-Überschrift: „Drei interessante Menschen vom Wochenende“

Witzeswitz

Günter Kunert sagte am Telefon: „Soll ich mich darüber auch noch aufregen?“ und fand das Ganze komisch und nicht sehr wichtig. Die Zeitschrift Tempo hatte eine Parodie des Neuen Deutschland gedruckt und 6000 Exemplare davon in die DDR geschafft, auf dem Postweg, mit Interzonenzügen und mit dem Taxi-Service der Ostberliner Hotels Metropol und Grand Hotel. Die Schlagzeilen: „Öffnung der SED nach Glasnost-Vorbild / Umfassende Reformen gehen weiter / Erich Honecker als großer Erneuerer des Sozialismus gewürdigt / Der neue ‚Glasklar’-Kurs der SED erobert die Herzen der Massen“. Worüber Kunert sich hätte aufregen können und worüber Jürgen Fuchs sich aufregte: daß Tempo in dem Falsifikat Texte von ihnen nachdruckte, ohne hinreichend klargemacht zu haben, wofür. Denn nun müssen die DDR-Emigranten Kunert und Fuchs und Stephan Krawczyk (von ihm war ein Lied abgedruckt unter der Überschrift „Stasi-Archiv wird Bibliothek“) Schwierigkeiten bei der nächsten Transit-Reise befürchten. Der Chefredakteur von Tempo behauptet, alle Autoren hätten die Nachdrucksgenehmigung erteilt und seien über den Zweck des Unternehmens informiert gewesen. Mag sein, daß manch einer hinterher klüger war – als sich nämlich zeigte, daß das neue Neue Deutschland bis weit in die DDR hinein unter die Leute kam und die Getroffenen im alten Neuen Deutschland jaulten. Nun natürlich erhebt sich mächtig die Frage: Darf man Witze machen auf Kosten unserer Brüder und Schwestern, sich amüsieren über die deutsche Wunde? Dürfen darf man schon, aber es ist nicht sehr wichtig. Weil die ganze gewaltige DDR ein Witz ist und weil einen Witz über diesen Witz zu machen nur ein bißchen witzig ist.

A plus B = Mensch

Die ersten, die nach dem Obst- und Gemüsehandel die Klassifikation mit Hilfe von Buchstaben benutzten, waren die Filmleute. Was anfangs ihr Expertenkauderwelsch war, ist – wenigstens bei den Kinofreaks – schon zum Bestandteil der Umgangssprache geworden: Sie reden wie selbstverständlich von A-Pictures und B-Pictures. Inzwischen bedienen sich auch Wissenschaftler dieser Klassifikation, die den Menschen zum Thema haben, zum Beispiel den Menschen in der Stadt. Sie erkennen ihn dort in zwei Sorten. Und wie seltsam der Zufall auch zu sein scheint, es wohnt ihm eine irre Logik inne: Da gibt es erstens die bessere, die B-Bevölkerung, die der B-Bedeutung zufolge antialphabetisch vor dem A rangiert: Es sind die Besitzenden, Begüterten, Beschäftigten. Zum Leidwesen der Planer arbeiten sie zwar in der Stadt, wohnen und kaufen aber meistens am Rande oder außerhalb der Stadt. Und da gibt es zweitens die A-Bevölkerung, das sind die Armen, Alten, Arbeitslosen, Auszubildenden und Ausländer: Sie wohnen meistens in den oft traurigen Restpartien der Städte. An ihrem Traum von der sozialen Mischung der Klassen, die die allgegenwärtige Segregation von A- und B-Menschen aufhebt, werden die redlichen Städtebauer noch lange zu träumen haben. Vorläufig ist es doch so: Die B-Menschen haben und kriegen immer mehr, die A-Menschen werden immer mehr.

Aber bitte mit Orden

Das Schlangestehen um die Kunstsammlung von Hans Heinrich von Thyssen-Bornemisza ist beendet. Während hier noch ein deutscher Landesfürst mit seinem Schlößchen winkte und dort ein anderer mit einem diskreten Hinweis auf das Stammland der Thyssen psychologischen Untertagebau betrieb, war die Ehefrau mit Heimvorteil bereits die stille Siegerin. Als sie voreilig bekanntgab, daß die teure Sammlung des dito Gatten in ihrer spanischen Heimat ihr neues Domizil finden sollte, wurde sie zwar kurz zurückgepfiffen. Um dann nur wenige Tage später offiziell und mit einem Triumph-Photo bestätigt zu werden. Rund 700 Kunstwerke vom 13. bis 20. Jahrhundert, alles Arbeiten der Kategorie A und B (so die vom Baron vorgenommenen Qualifizierungen) gehen aus der Luganer Villa Favorita in die dem Prado gegenüber liegende Villa Hermosa nach Madrid. Zunächst für zehn Jahre, so heißt es. Aber Frau Carmen wird schon Sorge dafür zu tragen wissen, daß daraus eine museale Ewigkeit wird: Schließlich war sie nicht nur eine Schönheitskönigin, sondern ist auch 23 Jahre jünger als ihr Mann. Mit dem Großkreuz Karls II. und dem Großkreuz Isabellas der Katholischen wurden die Verdienste des Paares um Spanien prompt belohnt.