Von Bernd Gerhardsen

Auf irgendeinem Bahnhof des italienischen Nordens hatte er das Plakat eines Reisebüros gesehen: „Besucht Sizilien! Fünfzig Prozent Fahrpreisermäßigung. Dritter Klasse nach Syrakus und retour: 250 Lire.“ Ihm, dem Sizilianer, brauchte man das nicht zweimal zu sagen: „Ich ging zum Bahnhof, ging unter die Lichter, zwischen die großen Lokomotiven und die schreienden Träger und trat eine lange nächtliche Reise an.“ Der süße Sog der Kindheitserinnerungen zog ihn. Er stieg in Florenz um und dann in Rom und dann in Neapel, wo er den Zug durch Kalabrien nahm, durch „dieses Land des Rauches und der Tunnel“, um dann, noch vor Messina, der Ästhetik der Stationsnamen nachzuträumen: Maratea, Amantea, Gioia Tauro. In Villa San Giovanni bestieg er das Fährboot nach Messina. Und hier endlich, während der Überfahrt, traf er unter seinen „kleinen Sizilianern“ die Heimat: Gerüche aus den Bergen, Ziegenkäse und Landbrot, Orangenkörbe. Und Scharen bettelarmer Landarbeiter, hin- und hergeworfen zwischen dem Kontinent und der Insel der Inseln.

Das Reisedatum: Mitte der dreißiger Jahre. Der Reisende: der junge Autor Elio Vittorini. Früh war er aus Syracus emigriert und nach Norditalien gegangen. Der Roman-Bericht über seine Heimreise – „Conversazione in Sicilia“ – machte ihn berühmt: viele Kapitel Bahnabenteuer, Bahnpoesie, jungenhafte Zuneigung zur Kleinbahn in Sizilien. Vittorini liebte die Bahn als literarischen Ort. Einer wie er würde auch heute noch dem Flugzeug-Hüpfer von Mailand nach Catania den stählernen Landweg vorziehen – natürlich ist er Sohn eines Eisenbahners.

Haben Siziliens Schriftsteller eine besondere Affinität zu Schiene und Bahn? Pirandello berichtet in der Erzählung „Una giornata“ ein gespenstisches Erlebnis: Er sei einmal nachts an einer verlassenen Station einer ihm unbekannten Stadt aus dem Zug geworfen worden. Und Tomasi di Lampedusa läßt seinen „Leopard“ mit Erinnerungen an den Bahnhof von Catania verebben.

La ferrovia, die eiserne Alte, ist dem Sizilianer bisweilen ein mysteriöser Ort, Vehikel für Geschichten. Alle empfindsamen Insulaner – ob auf Sardinien, auf Rügen oder Wangerooge – haben ein altes, zärtliches Verhältnis zu ihren Groß- und Kleinbahnen.

„Die Antike können Sie doch unmöglich per Flugzeug machen – und im Leihwagen könnten Sie nicht lesen“, sagte uns einmal ein Antiquar in Palermo, ein Bahnfan, der uns zuvor den Kupferstich einer Lokomotive von 1846 verkauft hatte. Nein, la macchina, die Benzinkutsche, habe noch längst, nicht alle Verkehrswege erobert: Vittorinis Bahnabenteuer seien immer noch möglich. Und er zeichnet beschwörend eine Streckenkarte seiner Insel an die Bücherwand: ein Kollier aus großen Bahnhofsnamen, das seiner Inselschönen umgelegt wurde, seit 1863, Strecke um Strecke. Eine illustre Kette, wie aus einem Repetitorium fürs humanistische Gymnasium: Messina, Taormina, Naxos, Catania und Syracus, aufgereiht am Ionischen Meer, Gela und Agrigent am Afrikanischen Meer. Und im Norden, an der Tyrrhenischen Küste, Palermo.

Im Nordosten landet mit dem Fährschiff ein beträchtlicher Teil der 800 000 Ausländer, die jährlich die Insel bereisen, ob im D-Zug-Waggon oder im Auto. Landeort ist Messina.