Von Andreas Werner

Ein Samstagnachmittag in Maibach. Die Dorfstraßen sind sauber gefegt, wie immer, wenn das Wochenende bevorsteht. Irgendwo fährt eine Säge kreischend durch Holz, ein Hahn kräht, und alles spricht dafür, daß die kleine Gemeinde in der hessischen Wetterau endlich den Winterschlaf abschütteln kann. Denn mit den ersten Frühlingstagen kommen auch die Wanderer wieder, die Wochenendausflügler aus dem Rhein-Main-Gebiet, die den Spaziergang zum „Hesselberg“, zur „Erich-Milius-Hütte“ oder zur „Teufelstreppe“ nur hinter sich bringen, damit sie bei der anschließenden Einkehr in der „Maibacher Schweiz“ ordentlich zulangen können, wenn ein deftiges Essen serviert wird.

Noch ist es nicht warm genug, um an der Ecke, wo Hauptstraße und Schulstraße zusammenstoßen, im Freien auf der Bank sitzen zu können. Ein schönes Plätzchen ist das, von dem aus man alles ins Auge fassen kann, worauf das 350-Einwohner-Dorf im Naturpark Hochtaunus sich etwas zugute hält: die Kirche, 250 Jahre alt, die sich beide Konfessionen teilen, das alte Backhaus und das neuen Spritzenhaus der Feuerwehr. Alles spricht dafür, daß sich in diesem Ort keine weltbewegenden Dinge ereignen und die Zeit zwischen Wäldern und Wiesen nur langsam vergeht.

Die Maibacher sehen das möglicherweise ganz anders, und gewiß würden sie sofort mit einigem Stolz auf die 650-Jahr-Feier ihrer Gemeinde verweisen, die gerade erst zwei Jahre zurückliegt. Zehnmal mehr Gäste waren gekommen, als es Einwohner gibt im Dorf, und am Ende waren sich alle einig: Aufregend war’s und anstrengend, feierlich, aber auch kräftezehrend, und als die Musickapelle loslegte, flossen sogar ein paar Tränen der Rührung.

Immerhin hatte sich in der Festschrift und bei den Reden auch Gelegenheit geboten, auf eine bis heute nicht verheilte Wunde hinzuweisen: 1972 hatte Maibach die kommunale Selbstverwaltung verloren und war, im Gefolge der hessischen Gebietsreform, gegen seinen Willen nach Butzbach „zwangseingemeindet“ worden.

Der frühere Bürgermeister von Maibach, Ewald Christ, seit jenen Tagen nur noch „Ehrenbürgermeister“ statt souveräner Gemeindevorsteher, ließ denn auch das Publikum unverblümt wissen: Lange vor der Eingemeindung schon hätten die Maibacher bereits ein eigenes Freibad und ein schmuckes Dorfgemeinschaftshaus mit Kegelbahn und Bücherei besessen. Da brauchten nicht erst der Hessenlöwe durch die Täler zu brüllen und Landesbehörden bedeutungsschwer vom „Dorferneuerungsprogramm“ zu reden. Jetzt hingegen, sagt der Grüne Rainer Michel, bettelt Maibach seit Jahren schon vergebens darum, in den Ortsstraßen „Tempo 30“ einzuführen. Mag sein, daß auch früher nicht immer alles zum besten stand. Doch schenkt man sich, wenn’s denn schon sein muß, das schlechte Bier lieber selber ein.

Daß die Maibacher an ihrem Ort hängen und ihn lieben, hat wohl auch damit zu tun, daß sie das Dorf in früheren Zeiten oft wider Willen verlassen mußten. Das war im vergangenen Jahrhundert, als das Ackerland zum Unterhalt nicht ausreichte und Arbeit in der Umgebung nicht zu finden war. So stellten sie während des Winters Besen und Weidenkörbe her und zogen im Frühjahr damit über Land. In ganz Deutschland, in Frankreich und Holland, in Skandinavien und sogar in Rußland verkauften sie ihre Ware. Daß sie auch zur Drehleier ihre Lieder sangen, um dafür den Hut aufhalten zu können, brachte ihnen den Beinamen „Maibacher Pfiffe“ ein.