Von Burkhard Kieker

Hainan, im April

Ungefähr zwei Kilometer sind wir der holprigen Binhai-Küstenstraße gefolgt, als Herr Ye Baozhang den Wagen halten läßt, herausspringt, die Arme in großer Geste ausbreitet und sagt: „Hier!“ Zunächst bleibt unklar, was der bereits ergraute chinesische Funktionär mit der hochgeschlossenen Mao-Jacke und der etwas aus der Mode geratenen Ballonmütze meint, denn zu sehen ist nichts außer ein paar Palmen, Sumpfwiesen und abgekipptem Bauschutt. Jenseits der Straße stapfen einige gebeugte Gestalten durch das Watt des chinesischen Meeres, auf der Suche nach Garnelen und Muscheln. Hinter einer Bambushütte am Strand, wo die vom Meer heranwehenden feuchten Schwaden des Nordost-Monsuns nicht so am Papier zerren, entfaltet Herr Ye eine große Blaupause. Sie zeigt Bankpaläste, dreißigstöckige Hoteltürme und Verwaltungsgebäude, die sich zu einer kilometerlangen Skyline aneinanderreihen.

„So wird es hier in zehn Jahren aussehen“, verkündet Herr Ye feierlich. Der große Teich dorthinten, auf dem im Moment noch schneeweiße Pekingenten schwimmen, wird als Yachthafen ausgebaggert werden, berichtet unser Begleiter. Draußen im Watt soll auf Stahlstelzen eine riesige Glaskugel mit Restaurant und botanischem Garten entstehen. „Das wird die leuchtende Perle Hainans“, schwärmt Herr Ye. In den Einzelskizzen haben die Zeichner einer Hongkonger Entwicklungsfirma auch die kreisenden Möwen und flanierenden Pärchen vor exklusiven Strandbars nicht vergessen. Die chinesische Tropeninsel Hainan, glaubt man den Plänen auf dem Papier, geht herrlichen Zeiten entgegen.

Darauf haben die Menschen hier lange warten müssen. In ständiger Erwartung eines imperialistischen Überfalls hatte Mao Tse-tung die Insel vor der Südküste Chinas schon in den fünfziger Jahren zur Front erklärt. Industrieansiedlungen und der Ausbau der Infrastruktur wurden per Dekret verboten. Das vom Festland vergessene Hainan, immerhin so groß wie Baden-Württemberg, wurde in China zum Synonym für Armut und Rückständigkeit. Nur einmal, 1983, machte das Eiland von sich reden. Funktionäre der Inselhauptstadt Haikou hatten, in eigenwilliger Auslegung der neuen Reformpolitik, für zwei Milliarden US-Dollar japanische Autos, Farbfernseher und komplette Fabrikationsstraßen zollfrei importiert, um sie meistbietend auf dem Festland zu verscherbeln. Bis heute hat die Insel kaum mehr zu bieten als schöne Strände, zudem Ananas und Kokosnüsse en gros. Nun soll sich alles ändern: Der Nationale Volkskongreß beschloß, daß Hainan künftig eine eigenständige Provinz sein soll und den Status einer Sonderwirtschaftszone, der fünften in China, erhält.

Premierminister Li Peng kündigte vor den Abgeordneten eine neue Offensive zur Öffnung Chinas an. Weitere 140 Küstenstädte sollen für ausländische Investoren erschlossen werden. Fasziniert vom wirtschaftlichen Erfolg der vier „kleinen Tiger“, Taiwan, Singapur, Südkorea und Hongkong, setzen die Reformer um Generalsekretär Zhao Ziyang nun verstärkt auf exportorientiertes Wachstum. In insgesamt 284 Städten entlang fast der gesamten Küste dürfen ausländische Unternehmer nun joint ventures oder Zweigbetriebe für ihre arbeitsintensive Produktion errichten. Locken sollen sie dabei die 160 Millionen Arbeitskräfte der Küstenregion, deren Löhne weit unter denen der asiatischen Nachbarländer liegen. Die Führung in Peking erhofft sich von dem ausländischen Engagement eine zunehmende Verknüpfung mit den Weltmärkten sowie den Transfer fortschrittlicher Technik und moderner Managementmethoden.

„Eine Frage von strategischer Bedeutung“ für die Zukunft Chinas, nannte Zhao Ziyang den neuen Plan. „In unserer Geschichte haben wir schon etliche günstige Gelegenheiten zur Entwicklung versäumt, heute können wir uns dies nicht mehr leisten.“ Kritik meldeten auf dem Volkskongreß die Vertreter der Provinzen im Hinterland an. Sie fürchten nun noch härtere Verteilungskämpfe um Rohstoffe und qualifizierte Arbeitskräfte. Der Gouverneur der Provinz Sinkiang forderte bereits mehr Handel mit der Sowjetunion: „China hat den Süden schon geöffnet. Nun sollten wir das große Tor zum Westen aufstoßen.“