ARD,

Dienstag, 12. April: „Aufrecht

gehen. Rudi Dutschke“

Man ist zunächst versucht aufzuzählen, was dieser Film über Rudi Dutschke alles nicht ist: keine Personality-Show, kein Nostalgie-Streifen, kein Sensationen-Bilderbogen.

Und was ist er? Ein ausführliches, genaues Portrait – und mehr: ein streckenweise gut gelungener Versuch zu zeigen, daß Rudi Dutschke, der Tor acht Jahren starb, nicht tot ist, daß seine Ideen, seine Visionen, seine Aktionen noch wirken. Obwohl das öffentliche Klima ein ganz anderes ist, und obwohl viele, die heutzutage seine Wege weiterwandern, gar nicht wissen, daß es seine waren.

Und das wäre Dutschke, so wie Helga Reidemeister ihn gezeichnet hat, auch ganz egal gewesen. Er dachte wenig über seine Person, seine Wirkung, seine Bedeutung nach. Seine Gedanken waren immer woanders: bei der Utopie, in der Geschichte, unter „den Massen“. Er war das, was man einen „politischen Menschen“ nennt. Mit Narzißmus, Selbstverwirklichung oder Betroffenheit hätte er kaum etwas anfangen können. Sein Begriff von Subjektivität war politisch and ganz bezogen auf die „Veränderung der Umstände“ – nicht nur sein Begriff, sondern der Impetus der ganzen Bewegung, die er inspiriert hat.

Eine Gestalt wie Dutschke, zugleich die Dekade, in der er wirkte, die sind nicht leicht zu portraitieren. Das Private war damals nie nur privat und öffentliches Wirken schwerlich zu verpersönlichen. Für unsere Zeit und ihre typischen Fernsehkonsumenten ist das Nähkästchen der Nukleus, aus dem Anschauung und Interesse aufsteigen, läßt sich Politik am besten durch das Nadelöhr der Anekdote präsentieren. Rudi Dutschke und seine Geschichte widerstreben solchen Aufbereitungsweisen. Und sie sind umgekehrt filmisch nur dann adäquat dargeboten, wenn der Zuschauer vor dem Schirm mit Dutschke zugleich dessen Zeit und deren große Markierungen, die Ursachen der Empörung und die Verankerungen der Hoffnung, wiedererkennt. So geschah es in Helga Reidemeisters Film.