Noch immer strömt viel Volk herbei

Von Cornelia Filter

Is it Berlin?“ fragt die englisch aussehende Dame ihren Begleiter. Der antwortet ein wenig von oben herab: „No, that’s Detmold.“ Recht hat er. Es ist doch nur das kleine Lipperland, das sich 27 Meter unter den Besuchern über waldige Höhen und Täler ausbreitet.

Anlaß für das Schwelgen in einer vermeintlichen Weite, die den Blick sogar auf Metropolen öffnet, bietet ein Schild mit Pfeil, der in Richtung Osten zeigt und die Aufschrift „Berlin“ trägt. Dieser Hinweis wurde vor mehr als 100 Jahren an der Brüstung des Aussichtsrondells unter dem Hermann angebracht, der seinem Kaiser in Berlin den Allerwertesten präsentierte und mit erhobenem Schwert dem „Erbfeind“ im Westen drohte.

Die meisten von den rund zwei Millionen Besuchern pro Jahr wissen nicht allzu viele Details über das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald, das mittlerweile 113 Jahre zählt. Ihnen geht es um das Ausflugsziel, die Attraktion. Und da ist ihnen die nationale Wallfahrtsstätte bei Detmold ebenso recht wie der „Holiday Park“ bei Stukenbrock, ein paar Kilometer weiter.

Auf dem Rondell unterhalb der strammen Waden des wackeren Cheruskers ist an einem Sonntag wie diesem viel vom „Gucken“ die Rede: „Guck mal, wie weit du hier gucken kannst.“ – „Guck dir den Onkel noch mal von hier an, aber dann gehen wir wieder runter.“ – Guck mal, da ist der Velmerstot!“ – „Wer ist tot?“ – „Wenn de da hochguckst, ist es fast so, wie wenn sich das ganze Ding bewegt.“ – „Ich kann besser in die Ferne gucken als so tief runter.“ – „Da liegt Oerlinghausen. Mußt mal winken! Vielleicht guckt Oma gerade aus dem Fenster.“ – „Ach Quatsch, die ist ja gar nicht zu Hause!“

Am Hermann geht kein Blick vorbei. Sogar Punks und Skinheads opfern dem Koloß aus Kupfer („Warum ist der so grün?“ – „Weil er immer im Regen stehen muß“) ihre kostbare Zeit. Ihnen verdankt sein standhafter Sockel respektlose Aufschriften wie „Hermann fuck off“, „Hey Bulle“, aber auch: „Hermann forever“.