In der Sprache der Seeleute im Wachraum der Lotsenstation von Brunsbüttelkoog heißt der Nord-Ostsee-Kanal einfach nur „Graben“ oder kurz „NOK“. Hinter den Fensterscheiben weitet sich die Elbe zu einem kilometerbreiten Trichter aus. Frachter ziehen see- und binnenwärts vorbei; einige liegen vor Anker, warten auf ihre Durchschleusung in den Kanal. Plötzlich ist es soweit. Der Schiffsmeldedienst kündigt per Telephon und Fernschreiber das Motorschiff „Nestefox“ an. „Das ist so’n richtiger Kanal-Mercedes, da sollten Sie man einsteigen“, sagt der Wachführer. Und ein Lotse meint: „Ein sauberer Dampfer, finnischer Flüssiggas-Tanker, so um die 8000 tons, prima Essen, angenehmes Bordklima, macht Spaß, damit zu fahren.“

Festmacher nehmen die schweren Leinen in Empfang und vertäuen den Tanker, der jetzt mit Hilfe eines „Wasserfahrstuhls“ an den Kanalwasserstand angepaßt wird. Der Tidenhub beträgt nämlich hier in Brunsbüttelkoog 2,8 Meter, in der Kieler Förde dagegen nur 70 Zentimeter. Allerdings kann auch ein kräftiger Wind den Wasserspiegel verändern, so daß der Niveauausgleich immer wieder anders ausfällt. Die hochaufragende schwarze Masse des unbeladenen Schiffskörpers mit seinen markanten hellgrünen Aufbauten füllt gut die gesamte Schleusenkammer aus. Mit fast 120 Metern Länge, 20 Metern Breite und 21 Metern Seitenhöhe kann es die „Nestefox“ ohne weiteres mit einem Häuserblock aufnehmen.

Zusammen mit dem Schiffsmakler und einer Gruppe finnischer Seeleute balanciere ich auf allen Vieren über eine schmale, schwankende Leiter auf das Tankdeck. Der Kapitän, klein, drahtig und wohl gut 40 Jahre alt, empfängt uns in seinem geschmackvoll eingerichteten Büro. Nach einem kurzen Händedruck widmet er sich wieder den Formalitäten, die solch eine Kanalpassage mit sich bringt. Der Makler fungiert dabei als Stellvertreter des Reeders. Die fälligen Gebühren wie Befahrungsabgabe, Lotsengebühr und Lotsengeld, insgesamt pro Tonne etwa eine Mark – also knapp 7000 Mark für eine Passage –, müssen nicht gleich bezahlt werden. Eine Unterschrift genügt. Die Schleusenuhr springt auf 11.15 Uhr, und geräuschlos öffnet sich das riesige Innentor zum Kanal. „Klar vorn und achtern! Leinen los und ein!“ schallt es in mehreren Sprachen aus den Schiffslautsprechern über die Schleusenanlage. In das internationale Ensemble höchst unterschiedlicher Seefahrzeuge kommt Bewegung, die drangvolle Enge entwirrt sich zu einem Schiffskonvoi mit Kurs Ost. Schleusenalltag im NOK, dem meistbefahrenen Kanal der Welt.

Die Vorgeschichte des Kanals reicht gut tausend Jahre zurück. Sie ist so alt wie der Wunsch der Seefahrer, den relativ langen und oft gefährlichen Weg um Kap Skagen, die Nordspitze von Jütland, zu meiden. In der Wikingerzeit wurde die Eider befahren, aber mit zunehmenden Schiffsgrößen war auch das nicht mehr möglich, bis 1784 der Schleswig-Holsteinische- oder Alte-Eider-Kanal fertiggestellt wurde. Nach der Reichsgründung, als Kiel zum Marinestützpunkt der kaiserlichen Flotte wurde, brauchte man eine schnelle und leistungsfähige Wasserverbindung für Kriegsschiffe zur Nordsee. Von 1887 bis 1895 wurde die Cimbrische Halbinsel vom Kaiser-Wilhelm-Kanal durchschnitten, dem heutigen NOK, der von Brunsbüttelkoog bis nach Kiel-Holtenau reicht.

Genau 98,7 Kilometer „Hochsee-Autobahn“ mit durchschnittlich elf Metern Tiefe liegen nun vor uns. Die Maschinen der „Nestefox“ laufen nur „langsame Kraft voraus“, als Höchstgeschwindigkeit sind auf dieser Wasserstraße umgerechnet maximal 15 Stundenkilometer erlaubt. Tischebenes sattgrünes Marschland, das eingedeicht ist und zwei Meter tiefer liegt als der Kanal, breitet sich an Backbord und Steuerbord wie ein Teppich aus. Die Kühe auf den Wiesen blicken längst nicht mehr auf, wenn ein großer Pott vorbeirauscht.

„Tja, hier sieht man schon morgens, wer abends zu Besuch kommt“, kommentiert Lotse Evers die Landschaft ringsum. Er kennt natürlich sein Revier und berät den Kapitän. Dennoch kann es vorkommen, daß ein Schiff den Grund berührt und schließlich festsitzt. „Durch die Fahrt und die Schraube wird das Wasser unter dem Schiff weggesogen, es sackt durch auf den Grund und bleibt für einen Moment stehen. Darauf kann man nur mit entsprechenden Ruder- und Maschinenmanövern reagieren“, sagt Evers.

Wir erreichen Breiholz und sehen ein rot-weißrotes Lichtsignal. „Auch das noch!“ stöhnt der Lotse, der auf eine schelle Reise gehofft hat, „wir müssen in die Weiche und stoppen!“ Hinter der nächsten Kurve sind gelbleuchtend die Masten eines entgegenkommenden Konvois zu sehen. 13 solcher Punkte, an denen die Schiffe einander ausweichen können, finden sich im Verlauf des Kanals. Über Sprechfunk werden wir an die Pfähle geschickt.