Von Willi Winkler

In dem Besucherbuch, das am Eingang ausliegt, stehen die üblichen gräßlichen Sprüche, ob das etwa Kunst sei, das könne man doch selber auch, und da ist es auch schon wieder, das Mörderwort: entartet sollen die Bilder sein. Die Erregung gehört unweigerlich zu Heinz Braun, seine Bilder trösten keinen, sie helfen niemandem weiter. Daß sie jetzt, zwei Jahre nach seinem Tod, im Münchner Stadtmuseum großzügig ausgestellt sind, ist eine verschämte und leicht deplazierte Wiedergutmachung: Die Gediegenheit des volkskundlichen Museums verträgt sich beim besten Willen nicht mit diesen schrundigen Bildern, mit diesen sichtlich unsauberen Farben, die angerührt sind aus Kuhmist, Lehm, Sand und Caparol. Sie können keinen Anspruch auf Ewigkeit erheben, so sorglos, so wenig kunstfertig sind sie entstanden, in panischer Eile.

Ende der siebziger Jahre konnte man ihn aus einer der Wirtschaften, in denen man damals unbegreiflicherweise herumsaß, kommen sehen, ein scheußliches Ölgemälde unterm Arm, unterwegs zum nächsten Wirt, der ihm sein Bild wahrscheinlich auch nicht abkaufen würde. Diese Erniedrigung, mit seinen Bildern hausieren gehen zu müssen, paßte gar nicht zu dem riesenhaften Mannsbild, das unsereins aus den ersten Filmen von Herbert Achternbusch kannte. Da hatte er immer das bärige Komplement zum schlauen Herbert gespielt (für den Grönland-Film "Servus Bayern" war er tatsächlich in ein Eisbärfell geschlüpft), aber dann zerstritt er sich mit Achternbusch, ließ sich 1979 von der Bundespost, der er fast dreißig Jahre als Briefträger gedient hatte, frühpensionieren und wurde Maler.

Die Münchner Kulturkritik, die jeweils nur einen Abweichler verkraftet, hatte sich da bereits für Achternbusch entschieden und unterstützte lieber dessen todesmutigen Kampf um noch einen Kalauer gegen die CSU, als daß sie sich für die Arbeit Heinz Brauns interessiert hätte.

Der begann zu malen wie ein Berserker. Schon seit 1970 hatte er es versucht, detailgenau und surrealistisch gefällig, aber jetzt ließ er alle Vorbilder hinter sich, schmierte drauf los, mischte mit dem, was er zeigte. Der Acker, in dem er sich in einem Bild selbst verscharrte, lieferte auch die Erde für die Farben.

Er wurde ein noch viel rabiaterer Wilder als die jungen Expressionisten. Die Anekdoten von dem Verrückten, der im Winter mit eingeschneiten Palette draußen stand, um sein zitterndes Ebenbild zu malen, sind bei ihm nicht bloß hagiographische Schmonzetten, er mußte schon den katholischen Masochisten spielen, wenn er seine gnadenlose Intensität erreichen wollte.

Mit ein wenig mehr Glück und Vermarktungsgeschick wäre er berühmt geworden. Doch als ihn Jürgen Serke für den Stern entdeckte, war es bereits zu spät: Heinz Braun hatte Krebs und keine vier Jahre mehr zu leben. (Serke mußte beim Magazin mit der Todeskrankheit seines Freundes renommieren, damit sie die Geschichte überhaupt brachten; als Sterbenskranker war er endlich ein Thema.) Die letzten Arbeiten, Wahnbilder, gewiß, unbegreiflich irrlichternd, entstanden unter Schmerzen, zwischen den Bestrahlungen: Da hat er, wie der zynische Kritiker sagt, den Gipfel seiner Kunst erreicht. Zweimal trug Heinz Braun das bißchen Geld, das ihm seine Bilder endlich einbrachten, zu Julius Hackethal, aber der konnte ihm auch nicht mehr helfen. Im Februar 1986 starb Heinz Braun im Alter von 48 Jahren.