Als ich im Mai 1972 im Leningrader Schriftstellerverband nach dem Dichter Jossif Brodskij fragte, wurde ich von den zuständigen Funktionären eines Besseren belehrt: Es handle sich nicht um einen Dichter, erklärte man mir, sondern um einen Rowdy, russisch Chuligan (Hooligan), der durch lautes Pfeifen und andere Provokationen vergeblich auf sich aufmerksam zu machen versuche; als „arbeitsscheues Element“ sei er deshalb von einem sowjetischen Gericht zu Straflager und Verbannung verurteilt worden. Auf die Frage des Untersuchungsrichters, wer ihm erlaubt habe, sich als Dichter zu bezeichnen, da er doch nicht einmal dem Schriftstellerverband angehöre, soll Brodskij damals mit leiser Stimme „Gott“ geantwortet haben.

Noch im gleichen Jahr, 1972, wurde er aus der Sowjetunion ausgebürgert und lebt seitdem in den USA, wo er an verschiedenen Universitäten gelehrt hat und seine Gedichte und Essays unter dem Namen Joseph Brodsky auf englisch herausbringt. „Ich werde immer ein russischer Dichter bleiben“, schrieb er nach seiner Ausbürgerung in einem Brief an Breschnjew, „auch wenn ihr mich aus dem Lande weist.“

Im Juli 1979 begegnete ich in der Halle des Hotels Gloria in Rio de Janeiro einem nur mit einer Badehose bekleideten Mann, dem am Strand von Copacabana kurz zuvor Kleider, Geld und Paß gestohlen worden waren; nur das Fahrgeld für den Bus hatten die höflichen Diebe zurückgelassen. Es war Joseph Brodsky, der als Ehrengast des internationalen PEN zu dessen Kongreß nach Rio eingeladen worden war. „Man muß entweder Nazi oder Jude sein, um diese Stadt zu mögen“, sagte er, während wir an mit Hakenkreuzen und Davidsternen beschmierten Hauswänden vorbeigingen, auf denen „Schluß mit der Folter“ und „Tod den Mördern“ gefordert .wurde.

Die Perspektive eines im belagerten Leningrad aufgewachsenen russischen Juden, der später von den sowjetischen Behörden mit antisemitischen Parolen diffamiert worden war, behielt Brodsky auch späterhin bei. Bei seiner Ankunft in Berlin, wo er mich Anfang der achtziger Jahre besuchte und in der Galerie des DAAD las, wünschte er als erstes, die Mauer zu sehen, „aus Masochismus“, wie er erklärend hinzufügte; und als er mich auf einer Podiumsdiskussion in Amherst seinen Studenten vorstellte, überraschte er mich mit der Frage, wo ich lieber gestorben wäre, im Stalinschen GULAG oder in Hitlers Konzentrationslagern?

Brodsky ist ein Dichter, wie er in der Bundesrepublik nicht mehr vorkommt, in einem zugleich anachronistischen und aktuellen Sinn. Er ist nicht apolitisch, sondern antipolitisch: Von der Geschichte, die er mit wütendem Haß verfolgt, weil sie ihm und seinesgleichen so tiefe Wunden geschlagen hat, kommt er nicht los. Sein Stück „Marmor“ spielt im einundzwanzigsten Jahrhundert im alten Rom, wo sich ein Patrizier und Plebejer in einem Luxusknast über Kunst und Politik, antike Statuen und libysche Grenzkriege streiten.

Brodsky ist ein Autodidakt und zugleich ein poeta doctus, der an Horaz und Vergil ebenso souverän anknüpft wie an Dante und Petrarca, Milton und John Donne, Puschkin und Mickiewicz; kürzlich hat er das Fragment eines babylonischen Dichters für die New York Review of Books übersetzt.

Den Mächtigen dieser Welt tritt er nicht als Bittsteller gegenüber, sondern von gleich zu gleich. „Commandante!“ schrieb er in einem Telegramm an Fidel Castro: „Wollen Sie als Mörder oder als Befreier in die Geschichte eingehen? Lassen Sie Valladares frei!“ Kurz darauf durfte der kubanische Schriftsteller, der zwanzig Jahre in Castros Gefängnissen zugebracht hatte, in den Westen ausreisen.

Brodskys lyrische Gewährsleute heißen nicht Majakowskij oder Brecht, sondern Rilke und Mandelstam: Die Poesie ist ihm nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck, kein Kommunikationsmedium und auch kein Vehikel für Engagement oder Protest, sondern die ästhetische Bestimmung des Menschen. Im Unterschied zu westlichen Lyrikern, die ihre Texte vom Blatt ablesen, trägt er seine Gedichte frei vor; er liest nicht, er deklamiert wie alle russischen Dichter, und er trägt seine Verse nicht in der Jackentasche, sondern im Kopf mit sich herum. Dieser autonome Begriff von Literatur hat nichts Priesterliches an sich; Brodsky ist nicht religiös; in einem Interview hat er sich kürzlich als „schlechten Russen und schlechten Juden, aber als guten Dichter“ bezeichnet. Joseph Brodsky ist einer der jüngsten Nobelpreisträger. „Ich denke, ich habe den Preis verdient,“ sagte er mir am Telephon. „It’s funny, isn’t it?“ Hans Christoph Buch