Von Robert Leicht

Wie das? Bonn und Ost-Berlin stecken unter einer Decke? So behauptet es jedenfalls steif und fest der Ostberliner Bischof Gottfried Forck. Bundesregierung und SED hätten untereinander abgesprochen, wie viele DDR-Bürger ausreisen können; mehr als 1200 Personen dürften es im Quartal nicht werden.

Wieder einmal, wie so oft im Leben, verdeckte auch hier eine Provokation die andere: Ganz Bonn wehrte sich, von der Regierung bis zu allen Parteien, gegen den aberwitzigen Verdacht, mit dem SED-Staat gemeinsame Sache gegen dessen Bürger gemacht zu haben. Wirklich brisant jedoch war Forcks ausdrückliche Forderung, solche Quotenregelungen endlich zu treffen. Der Bischof der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg (Region Ost) verlangte nichts weniger als eine offizielle Erklärung der Bundesrepublik, daß „nur in der und der Begrenzung“ Bürger aus der DDR aufgenommen werden können.

Diese Äußerungen können nicht als Ausrutscher abgetan werden, so als habe der Kirchenmann bloß den Häftlingsfreikauf mit der übrigen Ausreisepraxis verwechselt. Vielmehr müssen wir erkennen, wie weit die Verselbständigung der Kirchen in der DDR fortgeschritten ist. Ihr Selbstbewußtsein macht nicht nur, was wir aufmerksam beobachten, den Staatssozialisten zu schaffen; es richtet sich, was wir bisher verdrängen, mitunter sogar gegen den deutsch-deutschen Status quo.

Vor zwanzig Jahren hatte sich der Kirchenbund in der DDR aus der bis dahin gemeinsamen Evangelischen Kirche in Deutschland gelöst. Kirche nicht für, nicht neben(!), sondern Kirche im Sozialismus, so lautete seither die geistliche Ortsbestimmung für die Protestanten in der DDR. Die östlichen Landeskirchen sahen sich damals außerstande, weiterhin als nationalpolitische Brücke zu dienen, während die beiden deutschen Staaten sich immer deutlicher etablierten. Inzwischen bahnen sich im Kirchenbund Entwicklungen zu einer eigenen DDR-Nationalkirche an.

Die jüngsten Ostberliner Synodalbeschlüsse ergeben nämlich nur dann einen vollständigen Sinn, wenn sie in ihrer Tendenz zu zwei getrennten deutschen Staatsbürgerschaften in Ost und West verstanden werden. Zwar hat der Kirchenbundvorsitzende, der Thüringer Bischof Leich, sich soeben bei einem Besuch in Stuttgart von diesem Votum distanziert; doch die Zeichen sind nicht zu übersehen. Kernsätze der Berlin-Brandenburgischen Kirchenparlamentarier machen dies deutlich:

  • Die Bundesrepublik trage eine indirekte Mitverantwortung für die Ausreiseproblematik.
  • Die staatsrechtlichen und ökonomischen Erleichterungen im Westen für Übersiedler aus dem anderen deutschen Staat wirkten als Abwerbemechanismus.
  • Die anstehenden „bilateralen Auswanderungsvorgänge“ machten bilaterale Absprachen zwischen den beiden deutschen Staaten erforderlich.