Wer einen europäischen Binnenmarkt will, muß auch eine gemeinsame Währung schaffen

Von Helmut Schmidt

Kürzlich habe ich ein Mitglied der Brüsseler Kommission der Europäischen Gemeinschaft voller Stolz sagen hören: Etwa 280 Richtlinien der Kommission seien bis 1992 notwendig, aber die meisten davon seien heute bereits verabschiedet; allerdings stehe in den meisten Fällen die Umsetzung in nationales Recht durch die zwölf Regierungen und Parlamente noch aus; aber in diesem Punkte war der Mann durchaus optimistisch. Insgesamt sah er für 1992 den "gemeinsamen Binnenmarkt" bereits greifbar vor sich. Von einer gemeinsamen Währung und einer europäischen Zentralbank oberhalb der elf nationalen Zentralbanken sagte er kein Wort. Der Mann hat mir leid getan. Denn ohne gemeinsame Währung bleibt der gemeinsame Markt der EG eine Fiktion.

Hätten Amerikaner, Franzosen und Engländer in ihrer jeweiligen Besatzungszone 1945 je eine eigene Währung geschaffen und wir Deutschen nach 1948 im Zeichen des Föderalismus an einer derartigen währungspolitischen Zerstückelung Westdeutschlands festgehalten, dann gäbe es seit vier Jahrzehnten in Frankfurt, in Düsseldorf und in Mainz sehr verschiedene Zinssätze, Geldwertentwicklungen und Auf- wie auch Abwertungen zwischen den drei Währungen. Der heutige gemeinsame Markt der Bundesrepublik wäre überhaupt nicht zustande gekommen. Denn mindestens Geldpolitik und Haushaltspolitik der Länder in den drei ehemaligen Besatzungszonen hätten sich zwangsläufig auseinanderentwickelt, wahrscheinlich auch die Steuerpolitik. Gemeinsame Außenzölle, gemeinsames Gesellschafts-, Patentrecht und gemeinsame Verkehrsregeln auf den Straßen hätten nicht verbinden, daß ein nord- und westdeutscher Kapitalmarkt sich nach London und zum Sterling orientiert hätte, die hessisch-bayerischen Finanzmärkte nach New York und zum Dollar sowie die pfälzisch-badischen Märkte nach Paris und zum Franc.

Dank der damaligen Vernunft der Besatzungsmächte ist uns ein solcher Unfug erspart geblieben. Leider aber hat sich eine ähnliche Vernunft in der Europäischen Gemeinschaft bisher noch nicht durchgesetzt.

Die gemeinsamen Märkte der historischen Großreiche sind ohne ihre einheitlichen Währungen nicht denkbar, nicht Rom, nicht das spanische Weltreich, nicht das britische Empire, nicht die Vereinigten Staaten von heute. Und ebensowenig die heutige Sowjetunion – vielmehr wäre es die vorerst wichtigste Aufgabe für Gorbatschows Perestroijka, einen Rubel zu schaffen, der von Leningrad bis nach Wladiwostok gleicherweise gilt und der von einer sowjetischen Zentralbank in Moskau währungspolitisch gesteuert wird.

Wer unter den heutigen Regierenden der zwölf Staaten der Europäischen Gemeinschaft immer wieder davon spricht, 1992 – das heißt: binnen maximal vier Jahren plus acht Monaten! – würden wir bereits einen gemeinsamen Binnenmarkt erreichen, und wer doch zugleich die elf verschiedenen Währungen (Luxemburg war weise und hat schon früh den belgischen Franc statt einer eigenen Währung genommen) und elf verschiedenen Währungspolitiken aufrechterhalten will, der weiß nicht, wovon er spricht.