Huch, wo ist denn das Tuch?“ fragt Zaubermeister Fred Bossie scheinbar hilflos. Eben noch hat er das gelbe Seidentuch in seine geballte Faust gestopft, aber als er sie öffnet, liegt statt dessen ein Hühnerei darin. Er hält es hoch und lacht. „So etwas kann schon mal passieren, wenn man sich in die Tiefen der Magie versenkt“, sagt er und schaut höchst erstaunt auf das Produkt in seiner Hand.

Aber der 13jährige Sebastian erkennt gleich, daß der Zaubermeister uns mit seiner Mimik nur täuschen möchte. „Das Ei haben Sie doch mit Absicht gezaubert“, ruft er und beißt sich vor Aufregung auf den Zeigefinger. „Verraten Sie uns doch den Trick!“ Fred Bossie schüttelt energisch den Kopf. „Nein, ein echter Zauberer verrät nie seine Tricks!“ Überrascht schauen wir acht Lehrlinge uns an. Schließlich sind wir nur nach Ulm gereist, um hier an diesem Wochenende in die Kunst der Hexerei eingeführt zu werden. „Nein, ein echter Zauberer verrät nichts, aber wenn ihr gewillt seid, das schwere Handwerk zu erlernen, so bin ich gerne euer Meister.“

Klar sind wir gewillt! Nur der Zweck unseres Eifers unterscheidet sich: Der Lehrer aus Heidelberg sucht nach einem Clou, mit dem er seine Schüler hinterm Comic hervorlocken kann. Der Apothekenhelfer hat einen Hang zum Okkulten. Die beiden Jüngsten, Günther und Sebastian, möchten bei Geburtstagen oder Schulfesten die Mitschüler und Lehrer mit ihrem exotischen Hobby verwirren. Günthers Vater ist bei der Arbeiterwohlfahrt in Augsburg. „So ein kleiner Trick bei der nächsten Betriebsfeier, der würde die Kollegen schon verblüffen.“ Der Augenarzt aus Geislingen hat bereits einen kleinen Zauberkasten in seiner Praxis. Wenn er den öffnet, verlieren die Kinder sofort die Angst vor dem Mann im weißen Kittel. „Noch nach zwei Jahren, wenn die kleinen Patienten wiederkommen, erinnern sie sich an die Schublade, in der der Koffer liegt.“ Und da der zaubernde Augenarzt seinen Patienten auch mal ein neues Repertoire bieten möchte, ist er am Freitag abend um fünf Uhr pünktlich zum Treffpunkt gekommen.

Hinter den meterdicken Wänden der alten Festungsanlagen liegt die Zauberschule. Durch kalte weiße Gänge suchen wir uns unseren Weg. „Fred Bossies Zauberschule“ steht mit bunten Lettern über der hell erleuchteten Tür. Vor der kleinen Bühne stehen in einem dunkelblau gestrichenen Raum unsere Schulbänke: neun Holztische mit Stühlen. Goldene Eichenblätter, bunte Sterne und Spielkarten zieren die Wände, zwischen denen der Budenzauber stattfinden soll.

„Das Wichtigste bei diesem Handwerk ist, daß es Spaß macht“, beginnt Bossie seine Lektion. „Und Spaß macht es, wenn die Zuschauer unterhalten werden.“ Bossie holt eine bunte „wertvolle“ Perlenkette aus seinem Zauberkoffer und erzählt uns etwas über die Vorliebe seiner Frau für bunte Ketten. Dabei legt er sie vor uns auf den Tisch, und während wir noch über seine Frau nachsinnen, ist der erste Trick schon vorbereitet. „Wenn wir die Zuschauer mit unserem Gespräch einfangen können, ist die Sache schon halb gelungen. Und reden können wir doch alle. Dafür sind wir ja Menschen.“

„So wat wie Sprechhemmungen, dat jibt et für den jebürtijen Rheinländer ja nich.“ Gerade bei Kindern mit Lern- und Verhaltensstörungen hat Bossie mit seinen Zauberkursen große Erfolge. Zusammen mit Sonderschullehrern entwickelte er seinen Zauberkoffer, mit dessen Hilfe Sprech- und lerngehemmte Kinder aus der ungesunden Reserve gelockt werden.

Auch wir beginnen alle, nachdem wir gemeinsam über das Geheimnis des ersten Tricks gegrübelt haben und Bossie jedem eine dieser Ketten in die Hand gedrückt hat, mit vielen Worten von den noch ungeschickten Handbewegungen abzulenken. Da ist der stille Herr mit der Brille genauso eifrig und redselig wie der impulsive Sebastian. Ununterbrochen bewegen wir unsere Münder.